Drei Antworten an Yoga for Future

5. Mai 2020

Yoga for Future ist eine Plattform für Yogalehrende, Yoga-Praktizierende und Yoga-Interessierte. Sie wurde 2019 von den deutschen Yogalehrenden Hardy Fürch und Gudrun Kromrey gegründet.

Zitat aus den Ethikrichtlinien: „Yoga for Future unterstützt die Ziele von Bewegungen wie Fridays for Future. Die Ethik von Yoga for Future stützt sich auf die Allgemeinen Menschenrechte und die an unsere heutige Zeit angepasste Ethik der Yamas und Niyamas der altindischen Philosophie. Yoga for Future nutzt die ganzheitlichen und die weltanschaulich neutralen Methoden des Yoga, um Eigenwahrnehmung, Verantwortung und Mut zu stärken.“

Die Corona-Krise hat die beiden Initiatoren vor kurzem veranlasst, Interessenten drei Fragen zuzusenden.

„Die Natur zeigt uns ihre Macht. Innerhalb kürzester Zeit hat sich unser aller Leben gewaltig verändert. Wir haben drei Fragen an dich: Wie siehst du das? Wie erlebst du diese Zeit? Was wird sich verändern?“

Ich habe diese Fragen heute, am 5. Mai 2020, nicht ganz zwei Monate nach dem sogenannten Shutdown in Österreich, beantwortet. Ich bin dankbar dafür, dass mir diese Fragen gestellt wurden. Denn es war ein guter Anlass, mir wieder etwas bewusster und klarer zu werden, was in mir und um mich herum passiert. Privat, beruflich und in der Begleitung von geflüchteten Menschen.

Frage 1: Welche neuen Erkenntnisse und Erfahrungen hat diese Situation für dich persönlich erbracht?

Ich muss vorausschicken, dass ich in einer sehr privilegierten Position bin. Ich lebe in einem schönen Haus mit Garten auf dem Lande, bin als Grafikerin und Yogalehrende selbstständig und verfüge über finanzielle Reserven. Das heißt, mein Leben ging ohne scheinbare gröbere einschneidende Veränderungen, wie vor allem Arbeitslosigkeit, weiter. Die einzige wesentliche Umstellung war eine wunderbare Erfahrung: Mein Sohn (23) lebt seit dem 16. Lj. in Wien. Er kam zu uns und wir verbrachten einige Wochen in gemeinsamer Quarantäne. Max studierte von meinem Garten aus. Dieses unerwartet wieder intensiv gewordene Familienleben mit einem charmanten, jungen Erwachsenen konnte ich zutiefst genießen, ich durfte sogar einiges von ihm lernen. So trainierte er mich beim Tischtennis, zeigte mir, wie man Lasagne kocht und kleine Filmchen mit dem Handy dreht. Ich fühlte mich also eigentlich unverschämt glücklich, hielt mich von social media fern und begann dafür erstmals, Pflanzen aus Samen zu ziehen. In einem sonnigen Eck des Hauses warten inzwischen Zucchini, Gurken, rote Rüben und Melonen darauf, ausgepflanzt zu werden. Auch bei dieser Tätigkeit begleitete mich geradezu unglaubliches Anfängerglück. Außerdem, und das ist ganz wichtig, begann ich vom ersten Tag der Beschränkungen an, das ganze Haus aufzuräumen, meine unzähligen, vor allem geerbten Bücher neu zu sortieren, auszumisten oder für den Flohmarkt in Kisten zu stapeln. Ich bin jetzt 56 Jahre alt. Was will ich in meinem Leben noch lesen, welche Themen möchte ich noch angehen, was möchte ich aus historischen oder familiären Gründen erhalten? Auch das ein sehr intensiver und wochenlang dauernder Prozess. Trotzdem war mir immer bewusst, dass mein persönliches Glück, bedingt durch eine großzügige Infrastruktur, etwas Besonderes ist, und dass viele Menschen zeitgleich starken psychischen Belastungen ausgesetzt sind, bishin zu den Flüchtlingen in Moria und andernorts, die dort unter unwürdigsten Umständen nach wie vor ausharren müssen.­

Vielleicht war es genau diese Diskrepanz zwischen dem eigenen Wohlergehen und dem Leid da draußen, die mir so besonders deutlich spürbar geworden ist. Natürlich ist das im Grunde nichts Neues. Aber Corona hat auch diese Unstimmigkeit, wie so viele Unstimmigkeiten und Ungerechtigkeiten, noch deutlicher werden lassen.

Nach Ostern habe ich begonnen, Yoga mit dem Videoprogramm gotomeeting zu unterrichten. Auch dabei hat mir mein Sohn in der Startphase tatkräftig geholfen. Es tut mir gut, offene Fragen und Nöte für die anderen und auch für mich auszusprechen und in eine heilsame Praxis einzubauen. Und es ist schön, sich wieder in einer gemeinsamen Präsenz auf andere Menschen einzustimmen und mein Dasein mit ihrem Dortsein abzustimmen.

Frage 2: Welche besonderen gesellschaftlichen Veränderungen sind dir aufgefallen?


Aufregung
Ich bin schon lange nicht mehr auf Facebook aktiv. Aber auch auf Whatsapp, das für mich ein praktisches Kommunikationstool geworden ist, wurden die zugesandten Filmchen und Links mehr. Auf einer privaten Whatsapp-Gruppe führten diese vielen „Das muss du unbedingt ansehen und wissen und teilen und unterschreiben“ – Meldungen zu einer regelrechten Krise. Vielleicht war es das Thema verpflichtende Impfungen, das die Nerven der Mitglieder schlussendlich am meisten belastete und zu Austritten führte.

Wir sind ja mit diesen vielen widersprüchlichen Expertenmeinungen, und auch den verwirrenden Angaben von Regierungsseite extrem beansprucht. Wann können wir wieder unsere Studios öffnen, ist Singen, das für meine Praxis auch zum Yoga gehört, wirklich so gefährlich? Wie schützen wir ältere Menschen, ohne sie auszuschließen von dem, was sie lieben. Es wird noch mehr Verordnungen, Empfehlungen und Ratschläge geben. Trotzdem werden wir irgendwann auch wieder selbst Entscheidungen treffen müssen. Und diese verantworten.

Das regt uns auf. Und wir geben diese Aufregung weiter, regen uns gegenseitig auf. Entspannung in der Kommunikation oder einfach mal auch bewusste mediale Enthaltsamkeit, so finde ich, wäre daher zunehmend wichtig. Schwierig für viele, denn gerade jetzt ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise sehr hoch. Eine Zwickmühle.

Unübersichtlichkeit
Es steht im Zusammenhang mit dem regen Austausch an medial verbreitetem Expertenwissen durch Nichtexperten und ist doch ein etwas anderer Aspekt: Seltsam finde ich, wie sich gesellschaftliche Meinungspositionierungen verschieben. Weltoffene, humanistisch gesinnte Menschen schicken Links zu rechtslastigen Plattformen, weil sie die strikten Beschränkungen von Regierungsseite und die Impfdiskussionen als unerträglich empfinden.

Eine differenzierte Meinung zu äußern wird generell immer schwieriger. Wer übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft? Derjenige, der die Impfpflicht gutheißt oder der impfkritisch bleibt? Derjenige, der geflüchtete Menschen aufnimmt oder derjenige, der sie an den Grenzen Europas festhält und damit beschämende und erniedrigende Verhältnis produziert? Wer handelt verantwortungsbewusst im Sinne der Allgemeinheit: Ein Journalismus, der pflichtbewusst regierungstreu berichtet und den Lesenden eine sichere Linie vorgibt oder ein Journalismus, der gerade jetzt Kritikfähigkeit als höchste Pflicht erkennt, damit aber auch das Gefühl von Unsicherheit und Überforderung fördert? Auch so eine Zwickmühle.

Frage 3: Was wird sich deiner Meinung nach durch die Corona-Krise in der Gesellschaft nachhaltig verändern?

Optimisten glauben daran, dass diese Welt gerade jetzt ihre, vielleicht letzte, Chance hat, eine bessere und gerechtere zu werden. Regionaler, bewusster und respektvoller im Umgang miteinander. Weniger Fernreisen, dafür mehr Gemüse aus dem Nachbarort. Mehr Mitgefühl für die ganz normalen Menschen, denen in diesen Tagen applaudiert wird oder denen zumindest unsere Sorge gilt – vor allem Ärzt/innen und Krankenhauspersonal, Eltern, vor allem Mütter im Home-Office mit integriertem Home-Schooling, Supermarkt-Mitarbeiter/innen, Arbeitslose, Altenpfleger/innen. Nicht zu vergessen die Mitarbeiter der Müllabfuhr.

Bin ich eine Optimistin? Ich glaube nicht. Ich bin eine Realistin. Ich denke, es wird weiter jene geben, die sich äußerst talentiert nach den Meinungsumfragen drehen, wie eine Fahne im Wind, es wird weiter jene geben, die auch von den größten Notlagen noch zu profitieren verstehen und es wird weiter jene geben, die wissen, wie man die Lobbyisten der großen Geld- und Machtkonzentrationen auf dieser Welt zufrieden stellt. Diskret versteht sich.

Daher bin ich (leider) überzeugt davon: es braucht weiter Menschen, die sich einsetzen für alle jene, denen jetzt so großzügig Applaus gespendet wird. Und darüber hinaus auch für jene, die keine Lobby vorzuweisen haben. Die Frage, wie wir mit geflüchtete Menschen umgehen, wird uns weiter beschäftigen. Hier hat die Covid-19 Krise zu keiner Einsicht geführt. In Österreich sind Menschen im Asylerfahren, die z.B. als Altenpfleger/innen eine Ausbildung machen oder sogar schon selbstständig in diesem Beruf arbeiten (Anmerkung: viele sind ja schon jahrelang im Land), noch immer von Abschiebung bedroht. Und das, obwohl wir zu wenig Pflegekräfte haben. Es war nicht einmal möglich, Menschen im Asylverfahren in der derzeitigen Ausnahmesituation als Erntehelfer/innen einzusetzen, da ihnen sonst auf Monate hinaus die Grundversorgung gestrichen worden wäre. In Oberösterreich wurde sogar damit gedroht, dass sie in diesem Falle ihr Quartier verlieren. Bei all den vielen Ausnahmegesetzen in diesen Tagen fragt man sich, warum solche, für alle Seiten sinnvollen Ausnahmeregelungen, nicht möglich gewesen sind?

Für mich ist der Umgang mit Flüchtlingen nur ein Beispiel für viele andere gesellschaftsrelevanten Themen. Der Umgang mit den Schwächsten ist immer ein Gradmesser für das humanistische Kapital einer Gesellschaft. Vielleicht ist ja auch nachher im Kern gar nicht so viel anders wie vorher?

Danke für diese drei Fragen sagt Alexandra Eichenauer-Knoll

Antworten anderer Yogalehrenden stehen auf
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