Wenn persönlicher Stil zu Lifestyle wird

Ein Lehrer und seine vier berühmten Schüler

Eine Schlüsselfigur für die heute schon unüberschaubare Ausdifferenzierung von Yogastilen ist sicher der Yogameister Tirumalai Krishnamacharya, ein Mann der selbst nie im Westen gewesen ist und schon gar nicht mit modernem Marketing gearbeitet hat. Aber durch seinen langjährigen Unterricht und seinen steten Innovationsgeist hat er wesentliche Grundlagenarbeit für den Yoga, wie wir ihnheute kennen, geleistet. Für die Collegestudenten von Mysore entwickelte er in den 1930er Jahren einen kraftvollen Stil – «ashtanga vinyasa yoga», der erst 40 Jahre später durch die Arbeit seines damaligen Schülers Pattabhi Jois im Westen, ausgehend von den USA, populär werden sollte. Schon viel früher wurde der Yoga über die gebürtige Russin und Tänzerin Indra Devi im Westen bekannt, die von ihm zur gleichen Zeit ein sanfteres, an ihre Kräfte angepasstes Yoga mit Übungssequenzen, allerdings ohne vinyasas, erlernte. Sie unterrichte weltweit, z.B. in den 1950er Jahren unterstützt von ihrer Förderin Elisabeth Arden, die den Yoga in ihre Gesundheitsprogramme in ausgewählten, amerikanischen Badeorten integrierte.

Zur gleichen Zeit, als T. Krishnamacharya P. Jois und I. Devi lehrte, unterrichtet er auch einen kränklichen Teenager namens B.K.S. Iyengar. Für ihn versuchte er Positionen mit heilender Wirkung zu finden, ein Thema, das auch prägend für sein Alterswerk werden sollte. Trotzdem war er im Gegensatz zu späteren Jahren noch ein sehr autoritärer Lehrer und entließ Iyengar, der sehr hart an sich arbeitete, schon nach einem Jahr, um ihn andernorts an seiner Stelle unterrichten zu lassen. So früh vom Guru entlassen, blieb Iyengar nur sein eigener Körper und die Erfahrungen aus der Lehrpraxis, um sich weiter zu entwickeln. Der heilende Aspekt stand auch bei Iyengar im Fokus, der statt Vinyasas die einzelnen Position lieber ganz genau erforschte und auch Hilfsmittel dazu erfand. In den 1960er Jahren wurde sein Stil »Iyengar-Yoga« – auch mithilfe eines Schülers, dem Geiger Yehudi Menuhim – im Westen bekannt.

Nach der Unabhängigkeit Indiens ging T. Krishnamacharya, inzwischen um die 60 Jahre alt, nach Chennai. Dort unterrichtete er nicht nur jugendliche Schüler, sondern betreute Menschen von unterschiedlichster Konstitution. Er nahm die Herausforderung an und entwickelte einen therapeutischen Ansatz für seine Lehrpraxis, der ihn auch als Heiler berühmt machen sollte. Zusammen mit seinem Sohn Desikachar, dem letzten seiner 4 berühmten Schüler, den er 28 Jahre unterrichtete, verfeinerte er diesen, individuell auf die Bedürfnisse abgestimmten und als »Viniyoga« bekannt gewordenen Stil.

Was ich an dieser Geschichte u.a. bemerkenswert finde: Heute verbinden wir mit dem Namen mit T. Krishnamacharya vor allem Vini-Yoga, dabei hat er auch Ashtanga Yoga entwickelt. Zwei Positionen, die scheinbar unterschiedlicher nicht sein könnten. Ashtanga Yoga mutierte zu vor allem in Fitnessstudions angebotenem Poweryoga, Viniyoga wird im Einzelunterricht gelehrt und beeinflusste auch die Entwicklung des Therapeutischen Yoga.

 Ein Stil wird zu Lifestyle

Interessant ist auch, das I. Devi, die in den 1950er Jahren en vogue war, heute nicht mehr so zeitgemäß wirkt wie Ashtanga Yoga, obwohl beide Stile zeitgleich entwickelt worden sind. Grund dafür könnte der Zeitpunkt des Markteintritts in den USA sein. Beide Stile, die ursprünglich für unterschiedliche Persönlichkeiten (indische Jugendliche, eine europäische Frau) entwickelt worden sind, transformierten über die Promotion mit Celebrities zu Lifestyle, zu Mode, zu Zeitgeist.

Und das hat seine Tücken. Zitat des Kulturtheoretikers Bazon Brock aus seinem 1986 erschienenen Buch «Stilwandel»: «… Stil wird zum Erscheinungsbild der Erfolgreichen im Markt. Wer erfolgreich ist, wird aber auch nachgeahmt. Was nachgeahmt wird, scheint den Status eines Diktats zu haben. Wegen der Nachahmung kann jedoch der erfolgreiche Stil nicht kontinuierlich durchgehalten werden. Das Geheimnis des Erfolges liegt offensichtlich darin, die bruchstückhaften Ansätze der Konkurrenz (..) aufzugreifen, so dass selbst das Zufällige so aussieht, als entstamme es einem überlegenen, weil von langer Hand geplanten Konzept.»

Megatrend Yogaflow

Dieses Zitat könnte ein Erklärungsansatz sein für die viele Yogastile, die uns inzwischen schon bekannt sind. Ich versuche dazu ein Beispiel zu geben: Die Amerikanerin Kali Ray hat mit ihren anmutigen «Flows» in den letzten Jahren sehr erfolgreich die europäische Yogaszene aufgewirbelt. Auch wenn Sie als Vollprofi ein ® wie registered trademark hinter ihren Stil Triyoga® setzt, kann sie doch nicht unterbinden, dass europäische Yogameisterinnnen äußerst inspiriert und zur Nachahmung von Bruchstücken verlockt werden.

Lucia Nirmala Schmidt, Schweizer Fitness Profi und gewohnt Innovationen nur so aus dem Ärmel zu schütteln, hat schon 2006 das Buch Chi Yoga herausgebracht, wo Elemente aus TaiChi und Yoga gemixt werden. Verpackt sind diese Stilzitate in Flows und zwar für jede Jahreszeit einen. Abschließend bedankt sie sich explizit bei Ihren LehrerInnen, u.a. Anna Trökes und Kali Ray. Anna Trökes wiederum, die in den letzten Büchern sehr moderate Positionen zeigte, bringt in ihrem neuen Buch «Yogafitness» asana-flows – keine vinyasas oder karanas. Mit dabei ist auch der catbow-flow aus der Tradition von Kali Ray, die sie fairerweise explizit erwähnt.

Auch die Tänzerin und Yogalehrerin Beate Cuson hat 2007 ein Buch herausgebracht, dessen Titel gleich den neuen Stil ankündigt: «Flow Yoga». Hinweise auf Kali Ray habe ich nicht gefunden, sie erklärt ihre Inspirationsquellen in der Vinyasa-Tradition begründet, meint aber im Unterschied dazu seien Flows nicht eine festgelegt Reihenfolge, sondern eine spielerische, auch veränderbare Choreographie von Asanas.

Wie auch immer, der Flow ist auf jeden Fall purer Zeitgeist, er ist ja auch so hübsch und anmutig zu üben. Und die genannten Bücher sind auch wirklich sympathisch und interessant. Alle drei Autorinnen beherrschen das Prinzip Stilwandel als Kulturtechnik perfekt. Wie in der Fusion Küche nehmen sie sich das Leckerste aus verschiedenen Stilen heraus und bereiten es appetitlich auf. Erlaubt ist,was gefällt. Und entspannt, selbstverständlich. Dann kann man Bücher verkaufen, für begeisterte Buchsammler wie mich, eventuell auch Ausbildungen in dem neuen Stil anbieten und – last but not least – man kann die Presse, die stets nach Neuem giert, versorgen.

Resumée

Ich denke, dieser Stilmix wird in den nächsten Jahren munter weiter gehen und auch die zu neuem Leben erwachten Länder, von Rumänien über die Slowakei bis nach Russland werden noch von sich hören lassen. Wichtig sollte aber sein, dass ein Stil authentisch ist und ohne Heilsversprechungen, Halbwahrheiten und pseudowissenschaftlichen Sagern auskommt.

Text: Alexandra Eichenauer-Knoll, erschienen in der Mitgliederzeitung von Yoga Austria-BYO

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