Das Yogabuch zur Coronakrise

Eine Buchrezension geschrieben für die Yoga-Info 2-2020, herausgegeben vom Berufsverband der Yogalehrenden BYO – Yoga Austria.

Hardy Fürch: Yoga for Future. Yoga in Zeiten der Corona- und Klimakrise, 2020 BoD, 57 Seiten, ISBN 978-3-7519-2087-2

Hardy Fürch unterrichtet Yoga und Meditation (www.yogaraum-köln.de) und engagiert sich seit Jahren in Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und Parteien. 2012 bis 2019 war er auch im Vorstand des BDY tätig. Gemeinsam mit Gudrun Kromrey gründete er die online-Plattform „Yoga for Future“ analog zur Bewegung „Fridays for Future“. (https://www.yoga-for-future.com)

Nun gibt es das Buch zu dieser Idee, dessen Erscheinen die Corona-Krise wahrscheinlich beschleunigt hat. „Yoga for Future“ versteht sich als Manifest. Ich würde sagen, es ist ganz allgemein eine Aufforderung zum gesellschaftspolitischen Nachdenken und ganz konkret eine Ermutigung, gewohnte Verbrauchermuster zu ändern. Für uns Yogalehrende verstehe ich es als einen Anstoß, die Ethik des Yoga Sutra zeitgemäß zu unterrichten.

Hardy Fürch ist überzeugt davon, dass Yoga weit mehr Wirkmöglichkeiten hat, als uns bewusst ist. Denn Yoga durchdringt alle Gesellschaftsschichten. Zitat: „Yoga erscheint daher als ideale Transformationssprache für jedefrau und jedermann an jedem Ort – und damit auch die ideale unterstützende Methode, um insbesondere dem grassierenden Rechtspopulismus wirksam entgegenzutreten und die Klima- und Corona-Krise zu meistern.“

Ich persönlich finde das zu werblich und idealisierend, aber da es so draufgängerisch und positiv formuliert ist, möchte ich es gerne glauben. Und ich bin begeistert von dem Berufsbild, das der BDY in seinen ethischen Richtlinien einfordert. Hardy Fürch zitiert daraus die Nummer 10: „Über die individuelle Praxis hinaus tragen Yogalehrende dazu bei, dass die Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage gesehen wird. (..) Sie streben an, mit der Vielschichtigkeit der Gesellschaft und der Vielfalt von Kulturen offen, einfühlsam und kritisch umzugehen und ihren Beitrag zur Weiterentwicklung einer solidarisch-demokratischen Gesellschaft zu leisten.“

Das sind sehr ambitionierte Formulierungen, die von einem hohen gesellschaftpolitischen Bewusstsein des BDY zeugen – Respekt! Damit werden Yogalehrende eindeutig in die soziale Verantwortung genommen. In den Ethik-Richtlinien meiner Berufsvertretung BYO, die auf der Website von www.yoga.at nachzulesen sind, findet man derartige gesellschaftsrelevante Ambitionen nicht. Es werden dort der Respekt gegenüber den Yoga-Traditionen und die Beachtung der Menschenrechtscharta eingefordert. Dieser Unterschied wäre vielleicht diskussionswürdig. Ist das Berufsbild in diesem Aspekt zwischen BDY und BYO wirklich anders und wie sieht das die EYU? Oder ganz anders gefragt: wer liest überhaupt die Ethik-Richtlinien? Ich finde jedenfalls jetzt, das Durchpauken der Richtlinien und eine Reflexion darüber sollte selbstverständlicher Bestandteil aller von BYO zertifizierten Ausbildungen sein.

Für Hardy Fürch ist jedenfalls klar: Yogalehrende sollen in ihrem Tun insbesondere die Klimakrise, das Artensterben, den Ressourcenverbrauch und die (globalen) sozialen Verwerfungen im Blick haben. Kurz: Sie sollen Yoga für eine „enkeltaugliche“ Zukunft vermitteln.

Als Unterrichtsmaterial serviert uns der Autor gleich aktuell aufbereiteten und gut portionierten Diskussionsstoff mit. Ausgangsbasis dafür sind die Handlungsanweisungen des Yoga Sutra. Ahimsa/Gewaltlosigkeit wird in Bezug auf strukturelle Gewalt und globale Produktionsketten, Satya/Wahrhaftigkeit im Kontext von Fake-News hinterfragt. Asteya/Nicht-Stehlen beleuchtet kollektive Diebstahlsmechanismen und globale Profiteure. Bei Aparigraha /Nicht-horten wirft Hardy Fürch ein Schlaglicht auf das Thema Zinspolitik und die kapitalistische Wachstumslogik. Als fünftes ethische Prinzip wählt er Samtosha, die Zufriedenheit und ermutigt dazu, über scheinbare und existentielle Bedürfnisse nachzudenken. Jedes Thema ist knapp auf meist zwei bis drei Seiten abgehandelt. Dazwischen streut der Autor sehr eingängige Tipps wie zB „Versuche es öfter mal mit Lecker-Vegan, am besten aus ökologischer Produktion.“ Oder „Fair gehandelte Güter kaufen, wo immer es geht (es gibt sogar faire Smartphones)“

Hardy Fürch macht es uns Yogalehrenden mit diesem Buch eigentlich leicht. Denn solche ethischen Impulse sollten wirklich am Anfang einer Yogastunde möglich sein. Seine „Tipps“ sind vor allem auf eine Veränderung des Konsumverhaltens bzw. des Lifestyles ausgelegt. Dies entspricht auch durchaus einer historisch jüngeren Auslegung des Begriffs Verantwortung, wo sich die Erfüllung moralischer Ansprüche im Tun, aber auch im Unterlassen zeigen kann.

Der Theorie folgt die Praxis und hier ist Hardy Fürch ganz wichtig, dass wir als Yogalehrende mitfühlend sind. Nur so kann die Theorie in Verstehen und letztlich in die Tat umgesetzt werden. Fürch: „Eine nachhaltig transformatorische Yoga-Praxis sollte vornehmlich ein von Mitgefühl geleitetes Verstehen fördern.“

Es folgt zur Vertiefung dieser Idee ein Interview zwischen Hardy Fürch und seiner Mitstreiterin bei „Yoga for Future“, Gudrun Kromrey. Als Mitbegründerin der Berliner taz bringt sie genügend politisches Bewusstsein mit. Heute betreibt sie ein VolxYoga-Studio und sieht die wichtigste Aufgabe von Yogalehrenden darin, „unsere inneren Systeme der Angst deutlich erkennbar zu machen und zu bearbeiten.“ Nur so könne das Trennende überwunden und Solidarität erzeugt werden.

Nachdem die Bedeutung von Ethik und Gefühlsarbeit aufgezeigt worden ist, folgen auf weiteren nicht ganz 20 Seiten Impulse zu Asanapraxis, Pranayama und Meditation. Denn auch ein „Yoga for Future“ oder „Green Yoga“ geht den bewährten 8-fachen Pfad.

Das Büchlein „Yoga for Future“ wurde am Anfang der Corona-Krise geschrieben. Es stellt einen Yoga vor, der dazu ermutigt, die Corona-Krise (und andere Krisen) als Chance zu begreifen, um ökonomische und gesellschaftspolitische Muster und Dogmen zu hinterfragen.

Die Corona-Krise ist leider allemal noch nicht vorbei. Und die Klimakrise schon gar nicht. Selbst wenn es also in den Ethikrichtlinien des BYO nicht explizit zu lesen ist – auch österreichische Yogalehrende könnten sich für die Weiterentwicklung einer solidarisch-demokratischen Gesellschaft engagieren und ein „Yoga for Future“ unterrichten!

Rezensiert von Alexandra Eichenauer-Knoll

 

 

 

 

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