Verwirrungen um die Frage: Was ist Yoga?

In der Tageszeitung Der Standard von 15. Jänner 2021 erschien in der Rubrik Leben ein Artikel von Tom Rottenberg mit dem Titel: „Yoga ist doch kein Sport!“  Der Autor ging dabei durchaus hintergründig der Frage nach, wie sich der Yoga vom Sport unterscheidet bzw. vielleicht doch eigentlich nicht unterscheidet und vor allem welche unterschiedlichen Bilder/Images in den Köpfen der Yogalehrenden und deren Schüle*nnen existieren. Davon ausgehend hat Alexandra Eichenauer-Knoll diesen Text verfasst.

Nach Erscheinen des Standard-Artikels hat unser Verband  einen Leserbrief geschrieben, der auch auf dieser Website veröffentlicht wurde. Klare Ansage von Yoga Austria-BYO: „Yoga ist ein ganzheitlicher Übungs- und Erfahrungsweg mit vielfältigen Körper- und Atemübungen, eingebettet im Rahmen der Meditation, der Selbstwahrnehmung und Reflexion. Hinzu kommt das Verinnerlichen und Leben ethischer Grundsätze wie der Gewaltlosigkeit allen Wesen gegenüber und das sich Einlassen auf einen lebenslangen Prozess des Wachstums.“ Auch der eindeutige Gewinn für Übende wurde ausformuliert als „die Akzeptanz der eigenen Grenzen, das Spüren nach Innen im Hier und Jetzt, das Finden von Entspannung und der eigenen Mitte“.

Soweit – so gut. Aber warum geht es in dieser Debatte eigentlich? Warum wird jetzt in Zeiten des Lockdowns so heftig um die Frage debattiert, ob Yoga unter die Kategorie Sport falle?

Derzeit wird viel Lobbying für Yoga betrieben. Auch unser Verband tut das. Denn das Geschlossenhalten der Studios, das Absagen von qualifizierten Weiterbildungsseminaren und vor allem der nicht vorhandene persönliche Kontakt zu den Schüler*nnen schmerzt – persönlich und auch finanziell. Man hilft sich mit Zoom & Co, und weiß schon jetzt, dass das “Online Yoga“ die Szene nachhaltig verändern wird. Trotzdem kämpft man tapfer um Abstandsregeln und Hygienevorschriften, die es erlauben, Yoga bald wieder in Form einer Präsenzlehre anbieten zu können. Die Argumente der Verbände positionieren Yoga als wichtigen Beitrag für Entspannung und psychische Stabilität, was gerade in Coronazeiten nicht zu unterschätzen ist. Und in diesem Zusammenhang taucht auch das Argument auf: Yoga ist kein Sport. Viel Gehör fanden diese Ansagen und zahlreichen Petitionen bei den offiziellen Entscheidungsträgern nicht. Die Unzufriedenheit in der Szene ging daraufhin so weit, dass eine eigene neue Interessensvertretung, die Yoga-Union, gegründet wurde, um die Interessen der Yogalehrenden in der Öffentlichkeit sichtbarer werden zu lassen. Leider haben diese Aktivitäten zu unserem Bedauern noch kein Gehör gefunden.

Ich persönlich meine, man sollte zwecks Übersichtlichkeit ein paar Motive dieser Diskussion getrennt betrachten:

Vorab bitte soviel: Ich schreibe diesen Artikel nicht in Vertretung von Yoga Austria-BYO, sondern dieser Text gibt ausschließlich meine persönliche Meinung wieder. Wenn du/Sie anderer Meinung bist/sind, freue ich mich auch auf Feedback – ich diskutiere gerne und lasse mich auch eines Besseren belehren, wirklich!

  1. Yoga und die Corona-Gefahr

Natürlich ist es gut, auch in Coronazeiten Yoga zu üben, keine Frage! Ich unterrichte kein besonders sportliches Yoga und versuche, Asanas wie Katze, Hund, Läufer und Held möglichst genüsslich anzuleiten. Das Hinführen zum eigenen intensiven Hinspüren auf Körperwahrnehmungen ist mir wichtig. Ganz automatisch entwickelt sich dadurch aber auch eine vertiefte Atmung. Meine Erfahrung und die meiner Schüler*nnen: es braucht gar nicht einmal besonders aktives Bewegen, um den Atem zu vertiefen und sich intensiv zu erfahren. Und selbst wenn man nur flach atmet, was blödsinnig wäre, befinden sich die Übenden zusammen in einem Raum, selbst wenn sie zwei Meter Abstand halten. Wir wissen inzwischen, dass bei der Verbreitung von Aerosolen auch Luftströmungen zu beachten sind. Lüften hilft jedenfalls, aber die Lüfterei im Winter mindert das Wohlbefinden. Was haben wir gelernt? Sorge für eine angenehme, warme Umgebung! Vielleicht also Luftreiniger aufstellen? Kurzum: Ich möchte die Frage stellen, ob wir uns da nicht etwas vormachen. Massenyoga in Präsenzunterricht zu Coronazeiten ist zumindest problematisch. In Kleinstgruppen und Einzelunterricht ist das natürlich etwas anderes.

Ich werde gerne wieder traditionell unterrichten, sobald es möglich ist, die Teilnehmer*nnenzahl allerdings bis auf weiteres reduzieren und freue mich schon jetzt auf den Sommer und den Unterricht im Freien. Aber ich verstehe auch, dass derzeit Präsenzunterricht nicht gestattet ist. Viele empfinden das als Bevormundung, bei mir schwingt dabei, ehrlich gesagt, schon auch Erleichterung mit. Denn mit dem Präsenzunterricht übernehme ich wieder viel Verantwortung und ein Restrisiko bleibt.

  1. Die Verwechslung – was ist das wirklich Wesentliche am Beruf des Yogalehrenden?

Nun zu einem anderen Aspekt der Diskussion: den finanziellen Einbußen. Bevor ich meine Yogaausbildung im Jahre 2003 begonnen habe, wurde ich von Erika Erber, meiner Ausbildungsleiterin, nach meinem Beruf gefragt. Denn eine abgeschlossene Berufsausbildung und das Mindestalter von 25 Jahren waren und sind noch immer Voraussetzung für eine Zulassung zu einer Yogaausbildungen nach den Kriterien BYO/EYU.

Warum ist das so? Dadurch soll verhindert werden, dass wir uns als Yogalehrende finanziell vom Yoga abhängig machen, weil eben genau diese Abhängigkeit problematisch werden kann. Im Innsbrucker Yogastudio Yoga-Mitte gilt z. B. die selbstverständliche Teamregel: Jede/r bezieht ihr/sein Haupteinkommen aus einem anderen Brotberuf. Dass die Lehrenden trotzdem erstklassig und in der Aus- und Weiterbildung tätig sind sowie sich tw. sogar in der Yoga-Verbandsarbeit engagieren, ist dabei kein Widerspruch.

Natürlich kann man auch im Hauptberuf von einem Studio, einer Yoga-Ausbildung oder von Yoga-Urlaubsangeboten leben. Es ist ein verständlicher Wunsch, sich nur mit Yogaunterricht den Lebensunterhalt zu verdienen, um sich im Yoga noch besser zu fokussieren und vertiefen zu können. Aber es wird zu einer Gratwanderung, wenn die finanzielle Abhängigkeit und somit der Druck (ahimsa) zu groß werden. Wie problematisch die Folgen sein können, liest man im Artikel von Tom Rottenberg. Da kommen Ausdrücke vor wie die großen Player der Wiener Szene, Social-Media-Yoga-Starlets, Yoga-Influencerinnen, Quote und Werbeverträge bis hin zum Yogamarketing-Overkill, sprich, dass viele von Yoga gar nichts mehr hören wollen, weil es einfach nur mehr nervt. Was sagt uns das? Hier geht es vor allem ums Geld und das Geld macht auch viel kaputt bzw. es macht es anders. Liegt hier überhaupt eine Verwechslung vor?

Ich habe eine vierjährige Yogaausbildung absolviert und dann noch eine zweijährige Weiterbildung für Meditation bei Nura und Michael Kissener drangehängt. Natürlich wollte ich immer auch damit Geld verdienen. Aber schon vor Corona war mir klar, dass sogar dort, wo ich wohne, nämlich am Land, 60 km von Wien entfernt, das Angebot an Yogakursen durchaus beachtlich ist. Und jetzt kommt noch der Online-Markt dazu. Die Konkurrenz kann also quasi von überall her Menschen in meiner Nähe erreichen. Und tut das auch schon. Es gibt keinen lokalen Vorteil mehr. Wäre das nicht ein Grund zum Aufgeben, spätestens jetzt? Wenn ich Yoga als Beruf im Sinne von Erwerbstätigkeit sehe, hätte ich das schon längst tun müssen!

Aber nein, nicht einmal denken würde ich das! Ich liebe den Beruf der Yogalehrerin, ich liebe das Unterrichten und ich bin meinen Schüler*nnen zutiefst dankbar für ihre Treue. Leben konnte ich davon noch nie, auch wenn ich seit 2004 unterrichte. Bin ich unfähig? Im Sinne des Kapitalismus jedenfalls. Aber auch im Sinne des Berufsbildes Yogalehrerin? Meinen Anspruch an die Berufsethik und die Selbstverpflichtung zur Weiterbildung hat meine Unfähigkeit, aus Yoga ein sicheres Einkommen zu lukrieren, jedenfalls nicht geschmälert. Ich denke, lese, forsche und schreibe weiter über Yoga. Und ich engagiere mich auch im Verband, 2011 – 2019 auch im Vorstand von Yoga Austria-BYO, weil ich überzeugt bin, dass wir eine Verantwortung dafür tragen, wie der Yoga in der Öffentlichkeit vermittelt wird, in seiner Qualität und in seinem Image. Yoga zu unterrichten ist für mich also selbstverständlich ein Beruf und kein Hobby, und es ist sogar mehr als das – Yoga ist für mich eine Berufung!

Die vielen immer zahlreicher und immer kürzer werdenden Yogaausbildungen suggerieren natürlich ein anderes Bild: Traumberuf Yogalehrerin! Raus aus dem klassischen Wirtschaftsjob, Schluss mit egozentrischen Chefs, sinnlosen Tätigkeiten, dem ganzen Hamsterrad und der drohenden Burnout-Gefahr – und rein in die Selbstständigkeit als Yogalehrer*n! Gestalte Deine eigene Website, schreibe Deinen eigenen Yoga-Blog und poste viele bunte Bilder auf Instragram! Sei dabei schön, fit, entspannt und erleuchtet, alles ganz easy! Der Boom ist ungebremst. Das Aufwachen im Hier und Jetzt – wie wird das wohl sein?

Wenn wir von Yogamarketing-Overkill lesen, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass längst etwas ganz gewaltig schiefläuft und wir uns irgendwo anders als auf dem Yogaweg befinden. Atmen wir aus und besinnen wir uns auf den Achtfachen Pfad des Patanjali. Was steht da am Anfang? Ahimsa – Gewalt und Druck rauslassen und Satya, die Wahrhaftigkeit.

  1. Was ist also jetzt Yoga?

Was ist Yoga – mehr als Sport sicherlich, sagen wir Yogalehrenden. Interessanterweise hat der Sport nicht solche Abgrenzungsprobleme zum Yoga hin – ganz im Gegenteil sogar. Auf Sportseiten werden Yoga, Qi Gong und andere Entspannungs- und Konzentrationstechniken als Sport vereinnahmt. Schließlich gibt es ja viele Arten Sport zu betreiben. Laut dem Sportverständnis der FIS z. B. gibt es den Leistungs-, Breiten, Freizeit-, Fitness-, Extrem, Gesundheits-, Reha- und Integrationssport. Der Yoga wird von der FIS als Sport angesehen, wo genau er hinfällt, erkenne ich aus dem PDF, das ich im Web gefunden habe, nicht, aber ich könnte mir vorstellen, der Yoga passt in die Kategorie Gesundheitssport, da dort das Anliegen formuliert ist, Gesundheit psychisch, körperlich und sozial zu fördern und auch die Prävention dort angesiedelt ist.

Nein, Yoga ist mehr als Sport, sagen wir. Das Spüren alleine wird es aber nicht sein, denn auch im Sport fließt Energie und besonders der Profisport braucht eine sehr hohe Körperwahrnehmungsfähigkeit. Entspannung ist auch nicht ein bedeutsamer Unterschied. Ist es also die Yoga-Moral? Ja und nein, denn auch im Sport gibt es eine Ethik.

Lenken wir den Blick von den Techniken auf die Ziele. Yoga vermittelt Selbsterkenntnis und verspricht ein Ankommen in einem veränderten (vertieften) Bewusstseinszustand. Doch halt! Auch die Sportwissenschaft hat die Meditation längst entdeckt: „Wissenschaftliche Studien haben dabei herausgefunden, dass Sportler durch meditative Techniken deutlicher motivierter sind.“ (Zitat Website https://www.zenlounge.at/meditation-und-sport/). Auch die Achtsamkeitsbranche überzeugt mit sportlichen Vorbildern: „Stars wie Lebron James, Novak Djokovic oder die Hahnertwins meditieren regelmäßig, um ihre mentale Stärke zu trainieren.“ (Zitat Website https://www.7mind.de/sport)

Was bleibt uns Yogis also noch? Vielleicht nur dieser einzige Unterschied, der auch die Frage nochmals beantwortet, was wir im Yoga wirklich erreichen wollen – Zufriedenheit, Freiheit und Unabhängigkeit. Ein Leben also ohne Anhaftungen an die Objekte und Egogetriebenheiten des Alltags. Ein Leben, in dem ich nicht für etwas trainieren, in dem ich mich nicht optimieren und für etwas motivieren muss, sondern im Gegenteil in der Überzeugung existieren darf, dass alles bereits gut ist. In diesem Sinne ist der Corona-Ausnahmezustand ein gutes Übungsfeld!

Text: Alexandra Eichenauer-Knoll

PS: Ich freue mich auf Feedback unter: kontakt@vyana.at