Museumsinspirationen – über die Sinnlosigkeit des Krieges und die Faszination barocker Heiligenfiguren.

Ich nutzte den heutigen regnerischen Sonntag zu einem Ausflug nach Linz, um mir zwei Ausstellungen im Schlossmuseum und in der Landesgalerie zum Thema 1. Weltkrieg anzusehen. Erschütternd, ver-heer-end, sinnlos – dieses Morden, Schlachten bis hin zu den massenhaften Exekutionen. Auch das Marketing für den Krieg – Propaganda, Abzeichen und Aktionen wie „Gold gab ich für Eisen“ – wurde thematisiert. Speziell für das Land Oberösterreich interessant: Einerseits das rasante Anwachsen der Produktion der Österreichischen Waffenfabrik AG und infolge die beinahe Verdoppelung der Einwohnerzahl von Steyr sowie andererseits die Entstehung riesiger Lager für Kriegsflüchtlinge wie auch für Kriegsgefangene, z.B. in Mauthausen, Marchtrenk oder in Braunau, wo gar ein Großlager für 50.000 bis 60.000 Gefangene zu finden war.

Viele Fragen stellen sich beim Betrachten der Bilder: Wem hat dieser Krieg eigentlich genützt? Wer kann solch ein Ausmaß an menschlicher Verrohung und Verhetzung verantworten? Und wie können Soldaten und Opfer nach solchen Erfahrungen überhaupt weiterleben, mit den unfassbaren Bildern im Kopf und der Unmöglichkeit diese zu verarbeiten, geschweige denn darüber mit Frau und Kindern zu sprechen?

Mir wird klar, es kann nur eine Gegenstrategie geben: konsequent im Frieden bleiben, niemals den Verhandlungstisch verlassen und sich gegen Verhetzung und Fehlpropaganda wehren statt gegen meinesgleichen zu mobilisieren. Denn aufeinandergehetzt wie Schlachtvieh wurde und wird immer das Volk, vom Krieg profitieren hingegen andere, meist politische, wirtschaftliche und leider auch religiöse Interessensgruppen. Und diese werden selten an vorderster Front gesichtet…

Geradezu erholsam im Vergleich zu diesen Ausstellungen mutete ein Spaziergang durch die mittelalterlichen und barocken Sammlungen des Schlossmuseums an. Auch wenn die Bilder und Skulpturen, Rüstungen und Waffen ebenfalls verschiedene Grausamkeiten thematisierten… Im Gegensatz zu den Weltkriegsbildern geben die Darstellungen christlichen Martyriums, wie z.B. hier im Bild die Enthauptung des römischen Märtyrers Pankratius, dem Leiden wenigstens einen tieferen Sinn.

pankratius

Besonders schön empfand ich eine Christus-Figur, die zu Ostern auf das Volk heruntergelassen wurde. Die Gesichtszüge der Figur wirken entspannt und wunderschön, die Hand hebt sie dabei lässig zum segnenden Gruß. Welch eine Wohltat, dieser Christus ist bereits auferstanden und in das ewige Licht eingetreten! Auch das kleine, vergnügte Jesulein, dem ich später begegnete, als es gerade vom Riesen Christopherus über das Wasser getragen wird, grüßte mich mit dieser Geste.

christus_entspannt

Christus+christopherus

Zunehmend fasziniert von den Handhaltungen der Heiligenfiguren spazierte ich weiter durch die Museumssammlung. Seltsam, auch wenn die Figuren nur aus Holz geschnitzt sind, war für mich ihre Energie und elegante Körperspannung in der Betrachtung geradezu körperlich spürbar.

Eine Heilige – leider habe ich mir ihren Namen nicht notiert – formt mit der linken Hand eine Geste, die im Yoga als jnana-mudra, dem Mudra der Weisheit, bezeichnet wird. Der rechte Arm weist zu Boden, mit der Handinnenfläche energetisch nach oben geöffnet. Der Blick der schönen Unbekannten richtet sich zur Decke, sicher steht sie in Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit. Wie schön! Das jnana-mudra übe ich gerne in der Meditation. Durch die Berührung von Daumen und Zeigefinger wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der unser Nervensystem stimuliert. Angeblich hilft es bei regelmäßigem Praktizieren auch gegen Schlaflosigkeit und Gedächtnismangel. Vor allem aber bringt es Konzentration und Vertiefung auf dem Weg zu den inneren Quellen des Glücks.

jnanamudra

Immer wieder stellte ich mich zu den Figuren und ahmte ihre Handhaltungen nach. Was für großartige, inspirierte Künstler sind hier am Werk gewesen, deren Skulpturen noch hunderte Jahre später so mein Herz öffnen und meine Energie in Fluss bringen können. Ich möchte wiederkommen!

Alexandra

In Dankbarkeit

Kemming-kreis

Heute erhielt ich einen Brief der Familie Kemming aus Deutschland. Bert Kemming ist gestorben, nach langer schwerer Krankheit, steht da zu lesen. Es trauern die hinterbliebenen Kinder, Enkelkinder und Freunde. Ich starre auf die handgeschriebene Pate und fühle Hilflosigkeit aufsteigen, die sich in Tränen verwandelt. Ich kannte ihn nicht einmal besonders gut, nahm zweimal im Hiphaus St. Pölten an einem Adventwochenende und einmal an einem Schweigeretreat im Bildungshaus St. Bendikt teil. Aber sein waches, aufrichtiges Interesse an den Menschen, die sich ihm anvertrauten und sein Bemühen diese ein Stückchen weit auf ihrem Weg zu begleiten, haben mich tief berührt.

Bert Kemming, Jahrgang 1932, war katholischer Theologe, Meditationsleiter in der Tradition des Zen, er liebte die Gregorianik und er liebte die Menschen. Unvergesslich ist mir seine wunderbare Sprache, getragen von großem Wissen um die christliche Mystik. Seine Meditationsanleitungen – körpernah, achtsam und atembetont – konnte ich als Yogalehrerin gut annehmen. Wenn er das Wort KOMM für uns aufbereitete oder über die WURZEL (..aus einer Wurzel zart… ) sprach, öffneten uns seine Worte das Herz, es war einfach erhebend ihm zu lauschen. Bert Kemming war auch in diesem Sinne ein großes Vorbild für mich.

Zweimal hat Bert Kemming mich unvermutet angerufen – er interessierte sich wirklich und herzlich für jene Menschen, die seine Wege kreuzten. Ich fühlte mich seltsam berührt und angestoßen auf dem Weg zu bleiben.

Für ihn hat sich nun der Kreis geschlossen, er ist in das höchste Wissen eingegangen. Ich bin sicher, er könnte diesen letzten Schritt auch wunderbar in Worte fassen. Mir bleibt es nur dankbar zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

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