So lustig, wenn es nicht so traurig wäre…

So lustig, wenn es nicht so traurig wäre…

Gestern sahen wir uns auf dem deutsch-französischen Kultursender ARTE zwei Folgen einer Comedy-Serie aus dem Jahre 2015 an. „Diener des Volkes“, Teil 1 und 2 von 23 Folgen. Wolodymyr Selenskyj ist nicht nur Regisseur, sondern spielt auch den Hauptdarsteller, der darin zufällig zum Präsidenten der Ukraine gewählt wird. Es geht um Politik, verdeckt agierende Oligarchen, Korruption, Unschuld, Aufrichtigkeit und vieles mehr – temporeich, unterhaltsam und sehr sympathisch. Knappe vier Jahre später wurde der Komiker in der Rolle des Präsidenten der Ukraine tatsächlich vereidigt und die Partei, mit der er die Wahlen gewann, hieß wie die Serie aus dem Jahre 2015 – Diener des Volkes.

Warum schreibe ich das hier? In einem Yogablog? In den letzten Tagen hatte ich viel darüber nachgedacht, ob man sich als Yogini politisch äußern sollte, ob man Gefühle zeigen dürfe oder wie man sich engagieren könnte.

Als Yogini wäre es jedenfalls angebracht, auf dem Polster zu sitzen und auf den Frieden zu meditieren – anstatt mir eine Comedy-Serie anzuschauen. 😉 Wenn es um das Erzeugen der berühmten Herzensenergie geht, dann muss ich jetzt aber doch einwenden. Bei dieser Serie ist mir das Herz aufgegangen: Ich musste so lachen, Selenskyj und auch die anderen Schauspieler sind wirklich sehr sympathisch! Ich dachte mir, wieso war ich eigentlich noch nie in der Ukraine, so schöne Städte…  Braucht es diesen scheußlichen Krieg, um Verbundenheit zu fühlen?

Ahimsa, die Gewaltfreiheit
Ahimsa, die Gewaltfreiheit, ist ein zentrales moralisches Handlungsprinzip, das erste niedergeschriebene Yama in den Yogasutren. Darin gründen wir uns – in der Überzeugung, dass Gewalt prinzipiell destruktiv und unheilsam ist, unendlich viel Leid und Verstrickungen erzeugt und darum möglichst vermieden werden sollte. Ich bin daher als Yogini für eine möglichst rasche Beendigung des Krieges. Allerdings müssen die Bedingungen passen. Ein Friedensvertrag darf die Ukraine nicht in die Knechtschaft führen. Das wäre auch nicht gewaltfrei.

Die Serie „Diener des Volkes“ läuft auf ARTE bis 18. Mai 2022. Wieviele Häuser, die wir darin sehen, müssen noch zerschossen werden, wieviel Menschen sterben und wird es der sympathische Präsident bis dahin überleben – in seiner Rolle als realer Präsident und als leiblicher Mensch auf diesem verrückten Planeten?

Ich bin traurig und sammle Kleidungsstücke zusammen. Immerhin etwas tun für die inzwischen bald 2 Millionen aus der Ukraine geflüchteten Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Ich habe auch, in meiner Aufgabe als redaktionelle Betreuerin der Website, ein Statement des Vorstands von Yoga Austria- BYO auf unsere Verbandswebsite gestellt, worin auch auf eine facebook-Gruppe hingewiesen wird, die die EYU ins Leben gerufen hat. (https://www.facebook.com/groups/euyhelp) Dort können sich Yoginis melden, die shelter, also Unterkunft, zur Verfügung stellen können.

Satya, die Wahrhaftigkeit
Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Der Spruch ist alt. In Zeiten der Digitalisierung, wo aus Trollfabriken am laufenden Band Falschinformationen gestreut werden, wird die Wahrheit aber in noch viel rascherem Tempo vernichtet und wer von uns kann da überhaupt noch unterscheiden –  zwischen tatsächlich gefälschten Aufnahmen und echten mit allerdings falschen Orts- und Zeitangaben oder zwischen Informationen, die einfach nur Verwirrung stiften sollen und eigentlich zusammenhang- und sinnlos sind. Hierzu empfehle ich den neuesten Artikel aus dem FALTER: Die Schlacht um die Wahrheit im Krieg.

Es ist unsere Aufgabe als Yoginis auch satya, der Wahrhaftigkeit, verpflichtet zu bleiben und, wenn das unmöglich wird, zumindest nicht Informationen zu teilen, von denen wir nicht wissen, ob sie stimmen. Es gibt Faktencheck-Internetplattformen, deren Mitarbeiter:innen derzeit Tag und Nacht arbeiten, um die Angaben aus der Ukraine auf ihren Wahrheitsgehalt zu checken. Emotionen verleiten uns natürlich dazu, rasch zu teilen, wir kennen das aus den hochemotionalen Diskussionen über Covid 19. Aber da wir dort: es wird uns nicht erspart bleiben, vorsichtig zu sein und zu prüfen, jedenfalls nicht unhinterfragt zu teilen.

Die Comedy-Serie „Diener des Volkes“ zeigt eine Welt, die real ist und auch nicht. Man weiß als Zuseher:in, es ist eine Erfindung, Unterhaltungsfernsehen. Aber die Darsteller:innen gibt es als Menschen, die gefilmten Städte und Drehorte gibt es, oder besser – es gibt sie hoffentlich noch. Vielleicht ist das eine Möglichkeit sich der Ukraine anzunähern, über die köstlichen Szenen aus 2015 zu lachen und über den aktuellen Verlauf der Geschichte sehr traurig zu sein. Daher habe ich den Link zu dieser Serie heute auf whatsapp an ein paar Freund:innen geteilt. Dazu kann ich stehen. Ich versuche mich, mit solchen Botschaften ansonsten ja bewusst zurückzuhalten.

Fernsehen ist keine meditative Praxis, es ist Zerstreuung und daher sollte man damit vorsichtig umgehen. Für mich ist es derzeit aber ein bewusster Akt der Verbundenheit mit einem Land, das ich nicht kennen, aber besser kennenlernen möchte. Ich spüre meine Herzensenergie, sie brennt gerade und treibt mich an zu schreiben. Ich werde jetzt gut ausatmen und mich dann meinen Alltagsaufgaben widmen. Heute abends werde ich dann wieder den ARTE-Sender einschalten und Folge 3 und 4 von „Diener des Volkes“ anschauen.

Alles Liebe, Alexandra

 

P.S.: Wer sich jetzt für die Ukraine und Yoga interessiert, kann übrigens auf www.yoga.at den Beitrag von Dmitry Danilov lesen, der sich bei uns 2020, damals als neues EYU-Mitglied, mit dem ukrainischen Yogaverband vorgestellt hat. Was macht er derzeit wohl bloß?