Welches Menschenbild trage ich als Yogalehrende in meinem Herzen?

Die anderen wie Brüder und
Schwestern zu sehen, darum geht
es bei der Ethik.
Dalai Lama

Ich studiere an der Donauuniversität Krems „Spirituelle Begleitung in der globalisierten Gesellschaft.“ Ein wirklich spannendes, überkonfessionelles Studium, wo auch Meditationspraxis verpflichtend integriert wird. Wir beschäftigten uns unlängst mit der Person Karlfried Graf Dürckheim, einem Vorreiter der Zen-Meditation in Deutschland und Entwickler der Initiatischen Therapie. Er zählt neben Roberto Assagioli und Stanislav Grof zu den Klassikern der Transpersonalen Psychologie.
Wie war es aber möglich, so frage ich mich, dass eine derart spirituell interessierte Persönlichkeit sich in den Dienst eines menschenverachtenden, rassistischen Regimes stellen konnte? Als Diplomat im Auftrag der Nationalsozialistischen Regierung in Japan stationiert, sprach Dürkheim über die Erziehungsnatur des Krieges, während er dort zeitgleich den Zen-Buddhismus für sich entdeckte.
Spirituelle Methoden benötigen also eine fundierte ethische Basis, sonst können sie auch missbraucht werden. Die Nationalsozialistische Moral definierte sich zwar über Anstand, Würde, Ehre und Pflichterfüllung, war aber auf den maximalen Nutzen der eigenen Rasse bzw. Herrscherklasse und die möglichst effiziente Vernichtung von Juden, Roma, Homosexuellen, kranken und alten Menschen programmiert. Das ist unethisch.
Anlass genug mich zu fragen, welches Menschenbild wir Yogalehrende in unserem Herzen tragen – gerade jetzt, wo Ausgrenzung wieder salonfähig wird. Unlängst sah ich eine Yoga-Werbeanzeige, ausgehängt irgendwo in unserem schönen Österreich, und unter den Kontaktdaten stand groß der Satz: „Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ Abgesehen von der Frage, ob bewusst das ausgrenzende „Nur“ in der Übersetzung der Redewendung „Mens sana in corpore sano“ ergänzt worden war oder ob der/die Texter/in einfach nur ungenau informiert war, stellt sich mir doch die Frage, wieso man als Yogalehrender überhaupt davon ausgeht, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen könne. Geht es doch im Yoga auch um den letzten Schritt im Prozess des Sterbens, und in diesem Zustand ist man möglicherweise nicht mehr so ganz gesund. Und kennt der/die Yogalehrende den Namen Stephen Hawking nicht, der bedeutende Arbeiten zur Allgemeinen Relativitätstheorie und der Physik der Schwarzen Löcher lieferte? Er sitzt aufgrund einer myotrophen Lateralsklerose seit 1968 im Rollstuhl und kann sich nur mit einer Sprachmaschine verständlich machen. Woher kommt dieser Ungeist, dass nur die Starken und Gesunden auch zur Bewusstseinserweiterung zugelassen werden?
Wir sollten achtsam sein!

Alexandra Eichenauer-Knoll

Dieser Artikel ist in der Yoga-Info 1.2015 erschienen.

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