Verwirrungen um die Frage: Was ist Yoga?

Verwirrungen um die Frage: Was ist Yoga?

Dieser Beitrag ist als Newsletterbeitrag auf der Website www.yoga.at von Yoga Austria – BYO veröffentlicht worden. Ich beschreibe darin sehr persönlich und ehrlich meine eigene Situation und Gedanken. Es gab daraufhin interessanterweise einige Reaktionen.

 

In der Tageszeitung Der Standard von 15. Jänner 2021 erschien in der Rubrik Leben ein Artikel von Tom Rottenberg mit dem Titel: „Yoga ist doch kein Sport!“  Der Autor ging dabei durchaus hintergründig der Frage nach, wie sich der Yoga vom Sport unterscheidet bzw. vielleicht doch eigentlich nicht unterscheidet und vor allem welche unterschiedlichen Bilder/Images in den Köpfen der Yogalehrenden und deren Schüle*nnen existieren.

Unser Verband hat darauf kurzerhand einen Leserbrief geschrieben, der auch auf dieser Website veröffentlicht ist. Klare Ansage von Yoga Austria-BYO: „Yoga ist ein ganzheitlicher Übungs- und Erfahrungsweg mit vielfältigen Körper- und Atemübungen, eingebettet im Rahmen der Meditation, der Selbstwahrnehmung und Reflexion. Hinzu kommt das Verinnerlichen und Leben ethischer Grundsätze wie der Gewaltlosigkeit allen Wesen gegenüber und das sich Einlassen auf einen lebenslangen Prozess des Wachstums.“ Auch der klare Gewinn für Übende wurde ausformuliert als „die Akzeptanz der eigenen Grenzen, das Spüren nach Innen im Hier und Jetzt, das Finden von Entspannung und der eigenen Mitte“.

Soweit – so gut. Aber warum geht es in dieser Debatte eigentlich? Warum wird jetzt in Zeiten des Lockdowns so heftig um die Frage debattiert, ob Yoga unter die Kategorie Sport falle?

Derzeit wird viel Lobbying für Yoga betrieben. Auch unser Verband tut das. Denn das Geschlossenhalten der Studios, das Absagen von qualifizierten Weiterbildungsseminaren und vor allem der nicht vorhandene persönliche Kontakt zu den Schüler*nnen schmerzt – persönlich und auch finanziell. Man hilft sich mit Zoom & Co, und weiß schon jetzt, dass das “Online Yoga“ die Szene nachhaltig verändern wird. Trotzdem kämpft man tapfer um Abstandsregeln und Hygienevorschriften, die es erlauben, Yoga bald wieder in Form einer Präsenzlehre anbieten zu können. Die Argumente der Verbände positionieren Yoga als wichtigen Beitrag für Entspannung und psychische Stabilität, was gerade in Coronazeiten nicht zu unterschätzen ist. Und in diesem Zusammenhang taucht auch das Argument auf: Yoga ist kein Sport. Viel Gehör fanden diese Ansagen und zahlreichen Petitionen bei den offiziellen Entscheidungsträgern nicht. Die Unzufriedenheit in der Szene ging daraufhin so weit, dass eine eigene neue Interessensvertretung, die Yoga-Union, gegründet wurde, um die Interessen der Yogalehrenden in der Öffentlichkeit sichtbarer werden zu lassen. Leider haben diese Aktivitäten zu unserem Bedauern noch kein Gehör gefunden.

Ich persönlich meine, man sollte zwecks Übersichtlichkeit ein paar Motive dieser Diskussion getrennt betrachten:

Vorab bitte soviel: Ich schreibe diesen Artikel nicht in Vertretung von Yoga Austria-BYO, sondern dieser Text gibt ausschließlich meine persönliche Meinung wieder. Wenn du/Sie anderer Meinung bist/sind, freue ich mich auch auf Feedback – ich diskutiere gerne und lasse mich auch eines Besseren belehren, wirklich!


1. Yoga und die Corona-Gefahr
Natürlich ist es gut, auch in Coronazeiten Yoga zu üben, keine Frage! Ich unterrichte kein besonders sportliches Yoga und versuche, Asanas wie Katze, Hund, Läufer und Held möglichst genüsslich anzuleiten. Das Hinführen zum eigenen intensiven Hinspüren auf Körperwahrnehmungen ist mir wichtig. Ganz automatisch entwickelt sich dadurch aber auch eine vertiefte Atmung. Meine Erfahrung und die meiner Schüler*nnen: es braucht gar nicht einmal besonders aktives Bewegen, um den Atem zu vertiefen und sich intensiv zu erfahren. Und selbst wenn man nur flach atmet, was blödsinnig wäre, befinden sich die Übenden zusammen in einem Raum, selbst wenn sie zwei Meter Abstand halten. Wir wissen inzwischen, dass bei der Verbreitung von Aerosolen auch Luftströmungen zu beachten sind. Lüften hilft jedenfalls, aber die Lüfterei im Winter mindert das Wohlbefinden. Was haben wir gelernt? Sorge für eine angenehme, warme Umgebung! Vielleicht also Luftreiniger aufstellen? Kurzum: Ich möchte die Frage stellen, ob wir uns da nicht etwas vormachen. Massenyoga in Präsenzunterricht zu Coronazeiten ist zumindest problematisch. In Kleinstgruppen und Einzelunterricht ist das natürlich etwas anderes.
Ich werde gerne wieder traditionell unterrichten, sobald es möglich ist, die Teilnehmer*nnenzahl allerdings bis auf weiteres reduzieren und freue mich schon jetzt auf den Sommer und den Unterricht im Freien. Aber ich verstehe auch, dass derzeit Präsenzunterricht nicht gestattet ist. Viele empfinden das als Bevormundung, bei mir schwingt dabei, ehrlich gesagt, schon auch Erleichterung mit. Denn mit dem Präsenzunterricht übernehme ich wieder viel Verantwortung und ein Restrisiko bleibt.


2. Die Verwechslung – was ist das wirklich Wesentliche am Beruf des Yogalehrenden?
Nun zu einem anderen Aspekt der Diskussion: den finanziellen Einbußen. Bevor ich meine Yogaausbildung im Jahre 2003 begonnen habe, wurde ich von Erika Erber, meiner Ausbildungsleiterin, nach meinem Beruf gefragt. Denn eine abgeschlossene Berufsausbildung und das Mindestalter von 25 Jahren waren und sind noch immer Voraussetzung für eine Zulassung zu einer Yogaausbildungen nach den Kriterien BYO/EYU.
Warum ist das so? Dadurch soll verhindert werden, dass wir uns als Yogalehrende finanziell vom Yoga abhängig machen, weil eben genau diese Abhängigkeit problematisch werden kann. Im Innsbrucker Yogastudio Yoga-Mitte gilt z. B. die selbstverständliche Teamregel: Jede/r bezieht ihr/sein Haupteinkommen aus einem anderen Brotberuf. Dass die Lehrenden trotzdem erstklassig und in der Aus- und Weiterbildung tätig sind sowie sich tw. sogar in der Yoga-Verbandsarbeit engagieren, ist dabei kein Widerspruch.
Natürlich kann man auch im Hauptberuf von einem Studio, einer Yoga-Ausbildung oder von Yoga-Urlaubsangeboten leben. Es ist ein verständlicher Wunsch, sich nur mit Yogaunterricht den Lebensunterhalt zu verdienen, um sich im Yoga noch besser zu fokussieren und vertiefen zu können. Aber es wird zu einer Gratwanderung, wenn die finanzielle Abhängigkeit und somit der Druck (ahimsa) zu groß werden. Wie problematisch die Folgen sein können, liest man im Artikel von Tom Rottenberg. Da kommen Ausdrücke vor wie die großen Player der Wiener Szene, Social-Media-Yoga-Starlets, Yoga-Influencerinnen, Quote und Werbeverträge bis hin zum Yogamarketing-Overkill, sprich, dass viele von Yoga gar nichts mehr hören wollen, weil es einfach nur mehr nervt. Was sagt uns das? Hier geht es vor allem ums Geld und das Geld macht auch viel kaputt bzw. es macht es anders. Liegt hier überhaupt eine Verwechslung vor?
Ich habe eine vierjährige Yogaausbildung absolviert und dann noch eine zweijährige Weiterbildung für Meditation bei Nura und Michael Kissener drangehängt. Natürlich wollte ich immer auch damit Geld verdienen. Aber schon vor Corona war mir klar, dass sogar dort, wo ich wohne, nämlich am Land, 60 km von Wien entfernt, das Angebot an Yogakursen durchaus beachtlich ist. Und jetzt kommt noch der Online-Markt dazu. Die Konkurrenz kann also quasi von überall her Menschen in meiner Nähe erreichen. Und tut das auch schon. Es gibt keinen lokalen Vorteil mehr. Wäre das nicht ein Grund zum Aufgeben, spätestens jetzt? Wenn ich Yoga als Beruf im Sinne von Erwerbstätigkeit sehe, hätte ich das schon längst tun müssen!
Aber nein, nicht einmal denken würde ich das! Ich liebe den Beruf der Yogalehrerin, ich liebe das Unterrichten und ich bin meinen Schüler*nnen zutiefst dankbar für ihre Treue. Leben konnte ich davon noch nie, auch wenn ich seit 2004 unterrichte. Bin ich unfähig? Im Sinne des Kapitalismus jedenfalls. Aber auch im Sinne des Berufsbildes Yogalehrerin? Meinen Anspruch an die Berufsethik und die Selbstverpflichtung zur Weiterbildung hat meine Unfähigkeit, aus Yoga ein sicheres Einkommen zu lukrieren, jedenfalls nicht geschmälert. Ich denke, lese, forsche und schreibe weiter über Yoga. Und ich engagiere mich auch im Verband, 2011 – 2019 auch im Vorstand von Yoga Austria-BYO, weil ich überzeugt bin, dass wir eine Verantwortung dafür tragen, wie der Yoga in der Öffentlichkeit vermittelt wird, in seiner Qualität und in seinem Image. Yoga zu unterrichten ist für mich also selbstverständlich ein Beruf und kein Hobby, und es ist sogar mehr als das – Yoga ist für mich eine Berufung!
Die vielen immer zahlreicher und immer kürzer werdenden Yogaausbildungen suggerieren natürlich ein anderes Bild: Traumberuf Yogalehrerin! Raus aus dem klassischen Wirtschaftsjob, Schluss mit egozentrischen Chefs, sinnlosen Tätigkeiten, dem ganzen Hamsterrad und der drohenden Burnout-Gefahr – und rein in die Selbstständigkeit als Yogalehrer*n! Gestalte Deine eigene Website, schreibe Deinen eigenen Yoga-Blog und poste viele bunte Bilder auf Instragram! Sei dabei schön, fit, entspannt und erleuchtet, alles ganz easy! Der Boom ist ungebremst. Das Aufwachen im Hier und Jetzt – wie wird das wohl sein?
Wenn wir von Yogamarketing-Overkill lesen, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass längst etwas ganz gewaltig schiefläuft und wir uns irgendwo anders als auf dem Yogaweg befinden. Atmen wir aus und besinnen wir uns auf den Achtfachen Pfad des Patanjali. Was steht da am Anfang? Ahimsa – Gewalt und Druck rauslassen und Satya, die Wahrhaftigkeit.


3. Was ist also jetzt Yoga?
Was ist Yoga – mehr als Sport sicherlich, sagen wir Yogalehrenden. Interessanterweise hat der Sport nicht solche Abgrenzungsprobleme zum Yoga hin – ganz im Gegenteil sogar. Auf Sportseiten werden Yoga, Qi Gong und andere Entspannungs- und Konzentrationstechniken als Sport vereinnahmt. Schließlich gibt es ja viele Arten Sport zu betreiben. Laut dem Sportverständnis der FIS z. B. gibt es den Leistungs-, Breiten, Freizeit-, Fitness-, Extrem, Gesundheits-, Reha- und Integrationssport. Der Yoga wird von der FIS als Sport angesehen, wo genau er hinfällt, erkenne ich aus dem PDF, das ich im Web gefunden habe, nicht, aber ich könnte mir vorstellen, der Yoga passt in die Kategorie Gesundheitssport, da dort das Anliegen formuliert ist, Gesundheit psychisch, körperlich und sozial zu fördern und auch die Prävention dort angesiedelt ist.
Nein, Yoga ist mehr als Sport, sagen wir. Das Spüren alleine wird es aber nicht sein, denn auch im Sport fließt Energie und besonders der Profisport braucht eine sehr hohe Körperwahrnehmungsfähigkeit. Entspannung ist auch nicht ein bedeutsamer Unterschied. Ist es also die Yoga-Moral? Ja und nein, denn auch im Sport gibt es eine Ethik.
Lenken wir den Blick von den Techniken auf die Ziele. Yoga vermittelt Selbsterkenntnis und verspricht ein Ankommen in einem veränderten (vertieften) Bewusstseinszustand. Doch halt! Auch die Sportwissenschaft hat die Meditation längst entdeckt: „Wissenschaftliche Studien haben dabei herausgefunden, dass Sportler durch meditative Techniken deutlicher motivierter sind.“ (Zitat Website https://www.zenlounge.at/meditation-und-sport/). Auch die Achtsamkeitsbranche überzeugt mit sportlichen Vorbildern: „Stars wie Lebron James, Novak Djokovic oder die Hahnertwins meditieren regelmäßig, um ihre mentale Stärke zu trainieren.“ (Zitat Website https://www.7mind.de/sport)
Was bleibt uns Yogis also noch? Vielleicht nur dieser einzige Unterschied, der auch die Frage nochmals beantwortet, was wir im Yoga wirklich erreichen wollen – Zufriedenheit, Freiheit und Unabhängigkeit. Ein Leben also ohne Anhaftungen an die Objekte und Egogetriebenheiten des Alltags. Ein Leben, in dem ich nicht für etwas trainieren, in dem ich mich nicht optimieren und für etwas motivieren muss, sondern im Gegenteil in der Überzeugung existieren darf, dass alles bereits gut ist. In diesem Sinne ist der Corona-Ausnahmezustand ein gutes Übungsfeld!

Text: Alexandra Eichenauer-Knoll

PS: Ich freue mich auf Feedback unter: kontakt(at)vyana.at

Soziale Verantwortung als Kursthema – warum das?

In diesem Text versuche ich eine erste Annäherung an den Begriff „Soziale Verantwortung“. Wir werden uns der Frage, was dieser Begriff für uns heute bedeutet und wie er in Bezug auf die Yoga Sutren hinterfragt werden kann, im Herbst-Yogakurs 2020 an zehn Abenden widmen.

 

Nachdenkliche Impulse für die Yogapraxis

Ich beginne meinen Yogaunterricht in den Fortgeschrittenengruppen seit vielen Jahren mit einleitenden, nachdenklichen Impulsen. Es handelt sich dabei um ca. fünf- bis zehnminütige Kurzvorträge, quasi Gedankenhäppchen in homöopathischen Dosierungen.

Der Fundus, aus dem wir uns gemeinsam inspirieren lassen, ist dabei sehr vielfältig und geht über die Yoga-Literatur hinaus. Oft ist es ein Buch, das wir uns gemeinsam erarbeiten, und da war auch schon mal „Momo“ von Michael Ende dabei. Oder wir besprechen Begriffe aus der Yoga-Philosophie. Und natürlich sind es auch Texte von Weisheitslehrer*nnen, die ich aufgreife. Zweimal haben wir uns schon mit David Steindl Rast und seinem wichtigen Werk zur Meditation „Fülle und Nichts“ beschäftigt. Auch inspirierende Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Viktor E. Frankl haben uns schon mit ihren Ideen durch Kurse geleitet.

Diesmal geht es um den Begriff „Soziale Verantwortung“, der im 19. Jh. durch die damals starken gesellschaftspolitischen Veränderungen erst so richtig an Bedeutung gewonnen hat und sich jetzt im 21. Jh. zu einer zentralen moralischen Kategorie entwickelt. Ob es um die Rettung des ökologischen Gleichgewichts, um Ressourcenverteilung oder um faire Lebensbedingungen für alle Erdenbürger geht, zunehmend wird die Verantwortung auch im persönlichen Engagement jedes einzelnen sichtbar.

Warum ausgerechnet dieses Thema?

Ich bin als Referentin für den Jahreskongress des Deutschen Yogalehrerverbandes BDY eingeladen worden. Dieser soll Anfang Juni 2021 stattfinden und hat sich dem Thema „Yoga und soziale Verantwortung“ verschrieben. Ich nehme mir daher ein Jahr Vorlaufzeit, um mich einzulesen, aber auch, um gemeinsam mit meinen Schüler/innen weiterzudenken und zu üben. Denn erfahrungsgemäß macht es Sinn, wie schon oben erwähnt, in kleinen Dosierungen weiterzudenken. Es ist das Gegenteil jener Methode, mir Wissen zu erarbeiten, wenn ich alleine in meinem Stübchen sitze. Da verschlinge ich die Bücher im Eilzugstempo.

Wir werden den Begriff „Soziale Verantwortung“ in Verbindung mit den ethischen Handlungsanleitungen der Yamas und Niyamas aus den Yogasutren besprechen. Ich bin überzeugt davon, dass es in diesem Kontext Sinn macht, auf diese uralte Yogaweisheit zurückzugreifen, sofern man sie etwas entstaubt und eine zeitgemäße Interpretation erlaubt ist. Wozu sollten denn auch ethische bzw. moralische Prinzipien dienlich sein, wenn sie nicht an unsere Bedürfnisse und Probleme angepasst werden könnten? Alles andere empfinde ich als Yogafolklore und Zeitverschwendung.

Was versteht man jetzt unter „Sozialer Verantwortung“?

Der Begriff „Soziale Verantwortung“ ist relativ jung und hat in den letzten 200 Jahren schon verschiedene Deutungswandel erlebt. Außerdem wird er je nach wissenschaftlicher Disziplin unterschiedlich gefasst.

Unternehmen, die sich für Gesellschaft und Umwelt einsetzen, erzielen bei sonst gleichen Bedingungen deutlich höhere Unternehmensbewertungen und Margen. Das zeigt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG).

https://csr-news.net/news/2017/11/17/soziales-und-oekologisches-engagement-zahlt-sich-aus/

Bemühe ich die bekannteste Suchmaschine im Internet, so poppen vor allem Websites auf, die sich mit der Verantwortungsvariante CSR (Corporate Social Responsability) beschäftigen. Damit meint man die Übernahme von sozialer Verantwortung durch Unternehmen, kleine wie große. Prinzipiell erfreulich, dass es diese Ambitionen gibt, könnte man meinen, denn nach wie vor ist dies keine Selbstverständlichkeit angesichts der großen ökologischen Probleme, die wir vergegenwärtigen. Die Frage, wie redlich dies gemeint ist oder ob auch viel Schönfärberei bzw. Public Relation dahintersteckt, ist müßig. Moderne Unternehmen erwarten sich durch CSR bessere Unternehmensbewertungen, motiviertere Mitarbeiter/innen und ganz allgemein ein besseres Image für ihre Produkte und somit auch entsprechende Umsätze. CSR ist längst Teil eines professionellen Auftritts von (zumindest) großen internationalen Unternehmen. Und passend dazu findet man auch ein Riesenangebot an Ausbildungen zum/zur CSR-Manager/in, auch in Österreich. Diese Ausbildungen gehen oft einher mit Begriffen wie Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement.

CSR ist allerdings nicht das, wonach ich suche. Denn ich möchte mich ja mit der individuellen Übernahme von Verantwortung beschäftigen. Das, was jede/r einzelne von uns tun könnte. Ich tippe versuchsweise die Buchstabenfolge PSR in die Suchmaschine ein, auf der Suche nach so etwas wie personal social responsability oder private social responsability. Diese Begriffe kursieren sogar, man muss aber sehr lange nach ihnen suchen. Der Begriff PSR ist klarerweise nicht so finanzkräftig und PR-wirksam wie CSR. Obwohl es auch hier durchaus um beträchtliche Summen geht. Man denke an Fundraising-Spezialisten, die Sponsoren suchen, welche ihrerseits wiederum ihr Sponsoring abschreiben möchten. Mir fallen auch die unzähligen ehrenamtlich Tätigen in Österreich ein, die unbezahlt Dienstleistungen erbringen, welche andernfalls von ihren Organisationen oder dem Staat bezahlt werden müssten. Diese „Freiwilligen“ sind inzwischen eine derart wichtige Personengruppe geworden, dass man bereits eigene Ausbildungen erfunden hat, um Ehrenamtliche zu finden, zu fördern und zu motivieren: das sogenannte „Freiwilligenmanagement“.

Ehrenamtliche tätige Menschen sind also eine stark umworbene Personengruppe und können zwischen verschiedensten Angeboten wählen. Diese Links sind nur eine kleine Auswahl:

http://www.freiwilligenweb.at/
https://ehrenamtsboerse.at/
https://www.ngojobs.eu/aktiv-werden-ehrenamtliches-engagement-in-oesterreich/
https://www.alpenverein.at/portal/berg-aktiv/freiwilligenarbeit/index.php
https://www.fundraising.at/initiativen/zeitspenden/

Wir nähern uns also verschiedenen Definitionen von ehrenamtlichem Engagement. Auf der Website der Volkshilfe kann man zB lesen:
https://www.volkshilfe.at/fileadmin/user_upload/Media_Library/PDFs/Sonstiges/4_Faktensammlung.pdf

Der Begriff „freiwilliges Engagement“ fasst zusammen, was nicht nur im Alltagsgebrauch, sondern auch in der wissenschaftlichen Forschung sehr unterschiedlich bezeichnet wird: Freiwilligenarbeit, Ehrenamt, Freiwilligentätigkeiten, bürgerschaftliches Engagement, zivilgesellschaftliches Engagement etc. Ein einheitsstiftender und allen Sachverhalten angemessener, repräsentierender Begriff existiert nicht.

Reset.org ist eine Plattform, die vor allem ökologisches Engagement und neue Initiativen sichtbar machen möchte. Dort treffe ich auf den Begriff „bürgerschaftliches Engagement“. In dieser Definition findet sich auch das Wort Verantwortung und es wird angedeutet, dass man diese durchaus selbstbewusst übernehmen kann. Das spricht mich an: „eine selbstbewusste Form“.

https://reset.org/knowledge/verantwortung-uebernehmen-buergerschaftliches-engagement

Bürgerschaftliches Engagement, auch „Freiwilligenarbeit”, „politisches oder soziales Engagement“ genannt, beruht auf dem Prinzip der freiwilligen (Hilfe-)Leistung ohne Erwartung einer Gegenleistung. Bürgerschaftliches Engagement kann in einer Umweltschutz, Menschenrechts- oder anderen karitativen Organisation, aber auch bei Privatpersonen geleistet werden und bedeutet einen konkreten, praktischen Einsatz von Zeit, Geld oder Sachmitteln für die gemeinsamen Ziele. An erster Stelle ist bürgerschaftliches Engagement jedoch eine selbstbewusste Form, für die Gestaltung von Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. 

Halten wir als erstes Zwischenergebnis fest: Der Begriff Soziale Verantwortung wird im zivilgesellschaftlichen Engagement (vor allem) als Freiwilligenarbeit verstanden. (Merke den Unterschied: für CSR-Management im Unternehmensbereich wird bezahlt). Freiwillige sind eine stark umworbene Personengruppe, also gesellschaftspolitisch von großer Bedeutung. Sie übernehmen Verantwortung für soziale Tätigkeiten, vor allem in Hilfs- und Blaulichtorganisationen, aber auch dort, wo Staats- und Unternehmensversagen erkennbar werden, zB im Flüchtlings- oder Umweltbereich. Das Engagement kann innerhalb von bestehenden Organisationen, aber auch in Einzelinitiativen erfolgen.

Ganz zufrieden bin ich noch nicht. Es hilft mir beim Weiterdenken, wenn ich nun zwischen systemerhaltendem und systemveränderndem sozialen Engagement unterscheide. Dabei möchte ich betonen, dass ich großen Respekt für alle Engagierten gleichermaßen aufbringe. Große traditionsreiche Organisationen wie Rotes Kreuz, die Feuerwehr oder Bergvereine erbringen Dienstleistungen, die unser Sozialsystem am Laufen halten, für Sicherheit sorgen oder Erholungsgebiete begehbar machen. Ich bezeichne das versuchsweise erstmal als sytemerhaltendes Engagement. Sie engagieren sich tw. aber auch in Bereichen, die systemverändernd wirken, zB wenn sie sich für Themen wie Klimawandel oder Flüchtlingsbewegungen einsetzen.

Relativ junge Bewegungen wollen vor allem systemverändernden Einfluss bekommen, wie zB Aktivisten aus Umweltbewegungen oder der Gemeinwohlökonomie, und jetzt relativ neu Aktivisten von Bewegungen wie „Black-lives-matter“, „Fridays for Future“ oder LGBT-Arbeit.

Das scheint mir noch bedeutsam für die weitere Definition von sozialer Verantwortung als moralischer Kategorie und im Kontext von Yoga:

Wer soziale Verantwortung übernimmt (systemerhaltend oder -verändernd),

  1. hat die Vision einer besseren und gerechteren Zukunft vor Augen,
  2. übt sich in Verzicht (in Form von Freizeit und/oder Geld)
  3. und ist mitfühlend gegenüber Menschen, Tieren und dem Ökosystem. Dieses Mitgefühl und der tiefe Respekt vor der Natur stärken die Verbundenheit und überwinden das Trennende.


Abschließend noch ein Gedankenexperiment

Obwohl also sehr viele Menschen soziale Verantwortung übernehmen, ist zu vermuten, dass sie nicht alle von der gleichen Vision inspiriert sind. Oder doch? Versuchen wir ein Beispiel:

Was haben tüchtige Feuerwehrleute aus einer Landgemeinde (Anm.: in Städten gibt es meistens eine Berufsfeuerwehr) mit Aktivisten der Flüchtlingsnotrettung im Mittelmeer gemeinsam? Beide Gruppen retten auf dramatische Weise Menschenleben. Das verbindet sie. Was würde passieren, wenn wir sie alle an einem Stammtisch zusammenbrächten? Würden sie sich verstehen und sich bei den aufregenden Schilderungen respektvoll zuhören? Oder würden sie sich aufgrund ihrer eventuell unterschiedlichen politischen Meinungen hoffnungslos zerstreiten? Ein Treffen wäre jedenfalls einen Versuch wert. Und wäre es nicht eigentlich eine noble Aufgabe, bei dieser Gelegenheit auch gleich eine gemeinsame Vision für eine bessere Welt zu erarbeiten?

Drei Antworten an Yoga for Future

Yoga for Future ist eine Plattform für Yogalehrende, Yoga-Praktizierende und Yoga-Interessierte. Sie wurde 2019 von den deutschen Yogalehrenden Hardy Fürch und Gudrun Kromrey gegründet.

Zitat aus den Ethikrichtlinien: „Yoga for Future unterstützt die Ziele von Bewegungen wie Fridays for Future. Die Ethik von Yoga for Future stützt sich auf die Allgemeinen Menschenrechte und die an unsere heutige Zeit angepasste Ethik der Yamas und Niyamas der altindischen Philosophie. Yoga for Future nutzt die ganzheitlichen und die weltanschaulich neutralen Methoden des Yoga, um Eigenwahrnehmung, Verantwortung und Mut zu stärken.“

Die Corona-Krise hat die beiden Initiatoren vor kurzem veranlasst, Interessenten drei Fragen zuzusenden.

„Die Natur zeigt uns ihre Macht. Innerhalb kürzester Zeit hat sich unser aller Leben gewaltig verändert. Wir haben drei Fragen an dich: Wie siehst du das? Wie erlebst du diese Zeit? Was wird sich verändern?“

Ich habe diese Fragen heute, am 5. Mai 2020, nicht ganz zwei Monate nach dem sogenannten Shutdown in Österreich, beantwortet. Ich bin dankbar dafür, dass mir diese Fragen gestellt wurden. Denn es war ein guter Anlass, mir wieder etwas bewusster und klarer zu werden, was in mir und um mich herum passiert. Privat, beruflich und in der Begleitung von geflüchteten Menschen.

Frage 1: Welche neuen Erkenntnisse und Erfahrungen hat diese Situation für dich persönlich erbracht?

Ich muss vorausschicken, dass ich in einer sehr privilegierten Position bin. Ich lebe in einem schönen Haus mit Garten auf dem Lande, bin als Grafikerin und Yogalehrende selbstständig und verfüge über finanzielle Reserven. Das heißt, mein Leben ging ohne scheinbare gröbere einschneidende Veränderungen, wie vor allem Arbeitslosigkeit, weiter. Die einzige wesentliche Umstellung war eine wunderbare Erfahrung: Mein Sohn (23) lebt seit dem 16. Lj. in Wien. Er kam zu uns und wir verbrachten einige Wochen in gemeinsamer Quarantäne. Max studierte von meinem Garten aus. Dieses unerwartet wieder intensiv gewordene Familienleben mit einem charmanten, jungen Erwachsenen konnte ich zutiefst genießen, ich durfte sogar einiges von ihm lernen. So trainierte er mich beim Tischtennis, zeigte mir, wie man Lasagne kocht und kleine Filmchen mit dem Handy dreht. Ich fühlte mich also eigentlich unverschämt glücklich, hielt mich von social media fern und begann dafür erstmals, Pflanzen aus Samen zu ziehen. In einem sonnigen Eck des Hauses warten inzwischen Zucchini, Gurken, rote Rüben und Melonen darauf, ausgepflanzt zu werden. Auch bei dieser Tätigkeit begleitete mich geradezu unglaubliches Anfängerglück. Außerdem, und das ist ganz wichtig, begann ich vom ersten Tag der Beschränkungen an, das ganze Haus aufzuräumen, meine unzähligen, vor allem geerbten Bücher neu zu sortieren, auszumisten oder für den Flohmarkt in Kisten zu stapeln. Ich bin jetzt 56 Jahre alt. Was will ich in meinem Leben noch lesen, welche Themen möchte ich noch angehen, was möchte ich aus historischen oder familiären Gründen erhalten? Auch das ein sehr intensiver und wochenlang dauernder Prozess. Trotzdem war mir immer bewusst, dass mein persönliches Glück, bedingt durch eine großzügige Infrastruktur, etwas Besonderes ist, und dass viele Menschen zeitgleich starken psychischen Belastungen ausgesetzt sind, bishin zu den Flüchtlingen in Moria und andernorts, die dort unter unwürdigsten Umständen nach wie vor ausharren müssen.­

Vielleicht war es genau diese Diskrepanz zwischen dem eigenen Wohlergehen und dem Leid da draußen, die mir so besonders deutlich spürbar geworden ist. Natürlich ist das im Grunde nichts Neues. Aber Corona hat auch diese Unstimmigkeit, wie so viele Unstimmigkeiten und Ungerechtigkeiten, noch deutlicher werden lassen.

Nach Ostern habe ich begonnen, Yoga mit dem Videoprogramm gotomeeting zu unterrichten. Auch dabei hat mir mein Sohn in der Startphase tatkräftig geholfen. Es tut mir gut, offene Fragen und Nöte für die anderen und auch für mich auszusprechen und in eine heilsame Praxis einzubauen. Und es ist schön, sich wieder in einer gemeinsamen Präsenz auf andere Menschen einzustimmen und mein Dasein mit ihrem Dortsein abzustimmen.

Frage 2: Welche besonderen gesellschaftlichen Veränderungen sind dir aufgefallen?


Aufregung
Ich bin schon lange nicht mehr auf Facebook aktiv. Aber auch auf Whatsapp, das für mich ein praktisches Kommunikationstool geworden ist, wurden die zugesandten Filmchen und Links mehr. Auf einer privaten Whatsapp-Gruppe führten diese vielen „Das muss du unbedingt ansehen und wissen und teilen und unterschreiben“ – Meldungen zu einer regelrechten Krise. Vielleicht war es das Thema verpflichtende Impfungen, das die Nerven der Mitglieder schlussendlich am meisten belastete und zu Austritten führte.

Wir sind ja mit diesen vielen widersprüchlichen Expertenmeinungen, und auch den verwirrenden Angaben von Regierungsseite extrem beansprucht. Wann können wir wieder unsere Studios öffnen, ist Singen, das für meine Praxis auch zum Yoga gehört, wirklich so gefährlich? Wie schützen wir ältere Menschen, ohne sie auszuschließen von dem, was sie lieben. Es wird noch mehr Verordnungen, Empfehlungen und Ratschläge geben. Trotzdem werden wir irgendwann auch wieder selbst Entscheidungen treffen müssen. Und diese verantworten.

Das regt uns auf. Und wir geben diese Aufregung weiter, regen uns gegenseitig auf. Entspannung in der Kommunikation oder einfach mal auch bewusste mediale Enthaltsamkeit, so finde ich, wäre daher zunehmend wichtig. Schwierig für viele, denn gerade jetzt ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise sehr hoch. Eine Zwickmühle.

Unübersichtlichkeit
Es steht im Zusammenhang mit dem regen Austausch an medial verbreitetem Expertenwissen durch Nichtexperten und ist doch ein etwas anderer Aspekt: Seltsam finde ich, wie sich gesellschaftliche Meinungspositionierungen verschieben. Weltoffene, humanistisch gesinnte Menschen schicken Links zu rechtslastigen Plattformen, weil sie die strikten Beschränkungen von Regierungsseite und die Impfdiskussionen als unerträglich empfinden.

Eine differenzierte Meinung zu äußern wird generell immer schwieriger. Wer übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft? Derjenige, der die Impfpflicht gutheißt oder der impfkritisch bleibt? Derjenige, der geflüchtete Menschen aufnimmt oder derjenige, der sie an den Grenzen Europas festhält und damit beschämende und erniedrigende Verhältnis produziert? Wer handelt verantwortungsbewusst im Sinne der Allgemeinheit: Ein Journalismus, der pflichtbewusst regierungstreu berichtet und den Lesenden eine sichere Linie vorgibt oder ein Journalismus, der gerade jetzt Kritikfähigkeit als höchste Pflicht erkennt, damit aber auch das Gefühl von Unsicherheit und Überforderung fördert? Auch so eine Zwickmühle.

Frage 3: Was wird sich deiner Meinung nach durch die Corona-Krise in der Gesellschaft nachhaltig verändern?

Optimisten glauben daran, dass diese Welt gerade jetzt ihre, vielleicht letzte, Chance hat, eine bessere und gerechtere zu werden. Regionaler, bewusster und respektvoller im Umgang miteinander. Weniger Fernreisen, dafür mehr Gemüse aus dem Nachbarort. Mehr Mitgefühl für die ganz normalen Menschen, denen in diesen Tagen applaudiert wird oder denen zumindest unsere Sorge gilt – vor allem Ärzt/innen und Krankenhauspersonal, Eltern, vor allem Mütter im Home-Office mit integriertem Home-Schooling, Supermarkt-Mitarbeiter/innen, Arbeitslose, Altenpfleger/innen. Nicht zu vergessen die Mitarbeiter der Müllabfuhr.

Bin ich eine Optimistin? Ich glaube nicht. Ich bin eine Realistin. Ich denke, es wird weiter jene geben, die sich äußerst talentiert nach den Meinungsumfragen drehen, wie eine Fahne im Wind, es wird weiter jene geben, die auch von den größten Notlagen noch zu profitieren verstehen und es wird weiter jene geben, die wissen, wie man die Lobbyisten der großen Geld- und Machtkonzentrationen auf dieser Welt zufrieden stellt. Diskret versteht sich.

Daher bin ich (leider) überzeugt davon: es braucht weiter Menschen, die sich einsetzen für alle jene, denen jetzt so großzügig Applaus gespendet wird. Und darüber hinaus auch für jene, die keine Lobby vorzuweisen haben. Die Frage, wie wir mit geflüchtete Menschen umgehen, wird uns weiter beschäftigen. Hier hat die Covid-19 Krise zu keiner Einsicht geführt. In Österreich sind Menschen im Asylerfahren, die z.B. als Altenpfleger/innen eine Ausbildung machen oder sogar schon selbstständig in diesem Beruf arbeiten (Anmerkung: viele sind ja schon jahrelang im Land), noch immer von Abschiebung bedroht. Und das, obwohl wir zu wenig Pflegekräfte haben. Es war nicht einmal möglich, Menschen im Asylverfahren in der derzeitigen Ausnahmesituation als Erntehelfer/innen einzusetzen, da ihnen sonst auf Monate hinaus die Grundversorgung gestrichen worden wäre. In Oberösterreich wurde sogar damit gedroht, dass sie in diesem Falle ihr Quartier verlieren. Bei all den vielen Ausnahmegesetzen in diesen Tagen fragt man sich, warum solche, für alle Seiten sinnvollen Ausnahmeregelungen, nicht möglich gewesen sind?

Für mich ist der Umgang mit Flüchtlingen nur ein Beispiel für viele andere gesellschaftsrelevanten Themen. Der Umgang mit den Schwächsten ist immer ein Gradmesser für das humanistische Kapital einer Gesellschaft. Vielleicht ist ja auch nachher im Kern gar nicht so viel anders wie vorher?

Danke für diese drei Fragen sagt Alexandra Eichenauer-Knoll

Antworten anderer Yogalehrenden stehen auf
https://www.yoga-for-future.com/corona-krise/fragen-antworten/

Traumberuf Yoga

Leider komm ich in letzter Zeit so gar nicht dazu, Texte für meinen Blog zu schreiben. Zu intensiv sind die Vorbereitungen für das Stadtmuseum Hainfeld. Ich bin eben mit einem Fuß schon wieder fest in meinem ersten Berufsfeld Organisation, PR, Werbung und Projektmanagement verankert. Trotzdem Yoga ist meine Heimat, meine Verankerung, prägt mein Weltbild, ist mir zu einer Haltung geworden, die ich auch im Alltag und  gerade in schwierigen beruflichen Situationen immer wieder austesten kann.

Die Presse-Journalistin Susanne Knabl-Denk hat einen fundierten Artikel über Ausbildungen und Grundvoraussetzungen für den Yogaberuf geschrieben und in diesem Zusammenhang auch mich interviewt. Das ist natürlich für mich sehr erfreulich. Das Interview verlief als ein angenehmes und interessantes Gespräch. Ich hatte das Gefühl, Yoga ist wirklich eine Haltung, die ich verinnerlicht habe. Yoga ist für mich selbstverständlich ein Beruf, unabhängig vom finanziellen Erfolg.

Eines möchte ich an dieser Stelle noch ergänzen: Im Text wird erwähnt, dass körperliche Fitness eine wichtige Voraussetzung für den Yogaberuf sei. Ich halte eine spirituelle Sehnsucht für ebenso wichtig. Eine Sehnsucht nach Wahrheit und Achtsamkeit, nach Gewaltlosigkeit und tiefem Frieden.

 

TraumberufYogalehrer.Presse30.08.14

Rosenmontag-Meditation

rosenmontag

Aktivieren Sie Ihren Körper und Atem in einer für Sie passenden Weise. Nach einigen abschließenden Minuten Entspannung im Liegen beginnen Sie mit der Meditation.

1. Nehmen Sie eine Sitzposition ein, in der Sie 20-30 Minuten gut und schmerzfrei sitzen können. Wenn Sie auf einem Sessel sitzen, lehnen Sie sich wenn möglich nicht an.

2. Gehen Sie Ihren Körper von Kopf bis zum Becken durch, spüren Sie noch möglichen körperlichen Anspannungen nach. Nehmen Sie sich Zeit, diese mit ein paar Ausatemzügen zu lösen.

3. Ihre Hände ruhen auf den Oberschenkeln, in einer Haltung, die es den Schultern ermöglicht sich gut zu entspannen. Nun formen Sie mit den 5 Fingern beider Hände das Knospen-Mudra, wobei sich die Fingerspitzen sanft um den Daumen herum gelegt berühren. Die Handinnenflächen schauen nach oben.

4. Mit dem Einatmen spüren Sie hin zu den Fingerspitzen, mit dem Ausatmen beginnen Sie langsam die Fingerhaltung zu öffnen – einer Blüte gleich, die sich sanft zum Licht aufdehnt. Langsam, ganz langsam, öffnen sich die Finger Ihrer Hände. Vielleicht möchten Sie sich beim Einatmen auch den süßen Duft einer Rose vorstellen und wie schön es ist tief atmend an einer Blume zu riechen. (5 Minuten oder länger).

5. Spüren Sie kurz nach.

6. Dann gehen Sie mit der Aufmerksamkeit hin zu Ihrer Wirbelsäule. Stellen Sie sich vor vor, sie wäre der Stängel einer wunderschönen Rose. Gut verwurzelt in der Erde ist sie stark und doch flexibel genug, um auf Wind und Erschütterungen reagieren zu können. Die Stacheln helfen ihr, sich vor Anfeindungen schützen zu können. Stellen Sie sich Ihre Wirbelsäule in ihrer ganzen Länge vor, der Scheitel am Kopf zieht nach oben, das Steißbein senkt sich in die Sitzunterlage hinein. Mit jedem Atemzug bringen Sie Energie und Wachstum in Ihr Rückgrat. Die Stacheln der Rose haben auch noch eine andere Funktion: sie dienen gleichsam als Steigeisen zum Hinaufklettern und zur Verankerung nach oben hin. Sie helfen der Rose, sich nach oben, hin zu Licht und Sonne, wenden zu können. Wenn Sie möchten, stellen Sie sich auch so eine Kletterrose vor und wie sie sich nach oben hin aufdehnt. (5 Minuten oder länger)

7. Spüren Sie nach.

8. Kommen Sie dann mit der Aufmerksamkeit in Ihren Herzraum. Wenn Sie möchten, können Sie auch Ihre Hände über das Brustbein legen. Stellen Sie sich jetzt wieder die Knospe einer Rose vor und lassen Sie diese langsam, ausatmend, in Ihrem Herzraum aufblühen – in Ihrer ganzen Schönheit, Lebenskraft und Sanftheit. (5 Minuten oder länger)

9. Ist die Rose ganz aufgeblüht, bleiben Sie noch in der Verbundenheit mit ihr, lassen die Qualitäten der Rose „weiterblühen“. Und auch wenn es seltsam erscheinen mag: bleiben Sie angesichts all der Schönheit und Freude trotzdem in einer gleichmütigen und demütigen Grundhaltung. (5 Minuten oder länger)

10. Danach kommen Sie mit dem Atembewusstsein wieder in den Bauchraum, spüren gut hin zu den Kontaktflächen am Boden und beenden in Ruhe die Meditation.

PS. Sollten sich in der Meditation Gefühle von Beklemmtheit oder großer Unruhe einstellen, nehmen Sie dies zur Kenntnis, beenden Sie das Üben und gehen in eine Entspannungshaltung oder in Bewegung. Es macht keinen Sinn etwas erzwingen zu wollen. Meist ist es anfangs leichter in einer Gruppe, die einen mitträgt und einen örtlichen und zeitlichen Rahmen vorgibt, zu meditieren.

Museumsinspirationen – über die Sinnlosigkeit des Krieges und die Faszination barocker Heiligenfiguren.

Ich nutzte den heutigen regnerischen Sonntag zu einem Ausflug nach Linz, um mir zwei Ausstellungen im Schlossmuseum und in der Landesgalerie zum Thema 1. Weltkrieg anzusehen. Erschütternd, ver-heer-end, sinnlos – dieses Morden, Schlachten bis hin zu den massenhaften Exekutionen. Auch das Marketing für den Krieg – Propaganda, Abzeichen und Aktionen wie „Gold gab ich für Eisen“ – wurde thematisiert. Speziell für das Land Oberösterreich interessant: Einerseits das rasante Anwachsen der Produktion der Österreichischen Waffenfabrik AG und infolge die beinahe Verdoppelung der Einwohnerzahl von Steyr sowie andererseits die Entstehung riesiger Lager für Kriegsflüchtlinge wie auch für Kriegsgefangene, z.B. in Mauthausen, Marchtrenk oder in Braunau, wo gar ein Großlager für 50.000 bis 60.000 Gefangene zu finden war.

Viele Fragen stellen sich beim Betrachten der Bilder: Wem hat dieser Krieg eigentlich genützt? Wer kann solch ein Ausmaß an menschlicher Verrohung und Verhetzung verantworten? Und wie können Soldaten und Opfer nach solchen Erfahrungen überhaupt weiterleben, mit den unfassbaren Bildern im Kopf und der Unmöglichkeit diese zu verarbeiten, geschweige denn darüber mit Frau und Kindern zu sprechen?

Mir wird klar, es kann nur eine Gegenstrategie geben: konsequent im Frieden bleiben, niemals den Verhandlungstisch verlassen und sich gegen Verhetzung und Fehlpropaganda wehren statt gegen meinesgleichen zu mobilisieren. Denn aufeinandergehetzt wie Schlachtvieh wurde und wird immer das Volk, vom Krieg profitieren hingegen andere, meist politische, wirtschaftliche und leider auch religiöse Interessensgruppen. Und diese werden selten an vorderster Front gesichtet…

Geradezu erholsam im Vergleich zu diesen Ausstellungen mutete ein Spaziergang durch die mittelalterlichen und barocken Sammlungen des Schlossmuseums an. Auch wenn die Bilder und Skulpturen, Rüstungen und Waffen ebenfalls verschiedene Grausamkeiten thematisierten… Im Gegensatz zu den Weltkriegsbildern geben die Darstellungen christlichen Martyriums, wie z.B. hier im Bild die Enthauptung des römischen Märtyrers Pankratius, dem Leiden wenigstens einen tieferen Sinn.

pankratius

Besonders schön empfand ich eine Christus-Figur, die zu Ostern auf das Volk heruntergelassen wurde. Die Gesichtszüge der Figur wirken entspannt und wunderschön, die Hand hebt sie dabei lässig zum segnenden Gruß. Welch eine Wohltat, dieser Christus ist bereits auferstanden und in das ewige Licht eingetreten! Auch das kleine, vergnügte Jesulein, dem ich später begegnete, als es gerade vom Riesen Christopherus über das Wasser getragen wird, grüßte mich mit dieser Geste.

christus_entspannt

Christus+christopherus

Zunehmend fasziniert von den Handhaltungen der Heiligenfiguren spazierte ich weiter durch die Museumssammlung. Seltsam, auch wenn die Figuren nur aus Holz geschnitzt sind, war für mich ihre Energie und elegante Körperspannung in der Betrachtung geradezu körperlich spürbar.

Eine Heilige – leider habe ich mir ihren Namen nicht notiert – formt mit der linken Hand eine Geste, die im Yoga als jnana-mudra, dem Mudra der Weisheit, bezeichnet wird. Der rechte Arm weist zu Boden, mit der Handinnenfläche energetisch nach oben geöffnet. Der Blick der schönen Unbekannten richtet sich zur Decke, sicher steht sie in Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit. Wie schön! Das jnana-mudra übe ich gerne in der Meditation. Durch die Berührung von Daumen und Zeigefinger wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der unser Nervensystem stimuliert. Angeblich hilft es bei regelmäßigem Praktizieren auch gegen Schlaflosigkeit und Gedächtnismangel. Vor allem aber bringt es Konzentration und Vertiefung auf dem Weg zu den inneren Quellen des Glücks.

jnanamudra

Immer wieder stellte ich mich zu den Figuren und ahmte ihre Handhaltungen nach. Was für großartige, inspirierte Künstler sind hier am Werk gewesen, deren Skulpturen noch hunderte Jahre später so mein Herz öffnen und meine Energie in Fluss bringen können. Ich möchte wiederkommen!

Alexandra

Extrablatt! Yoga bietet Entspannung für Körper und Geist!

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Das österreichische Handeslunternehmen Nah&Frisch publiziert alle 2 Monate eine Zeitung für alle Nah&Frisch-Händler/innen, worin Verkaufstipps ebenso wie Anregungen zur persönlichen Entwicklung und auch Erholung geboten werden. Im Auftrag von Yoga Austria BYO have ich für die EXTRABLATT Ausgabe Jänner/Februar 2014 einen Artikel über Yoga verfasst. Keine leichte Aufgabe – so einfach wie möglich die Wirkungsweisen von Yoga zu erklären und trotzdem Tiefgang spürbar werden zu lassen.

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Erfahrungen richtig verdauen – learn to play by heart

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Letzten Montag war in der Radiosendung Ö1 bis zwei das Thema „Bach zum Überwintern“ angesagt. Johann Sebastian Bach gilt ja als ein Komponist heilsamer Musik. Es liegt nahe, dass seine Musik auch in der dunkelsten Jahreszeit unser Gemüt zu erhellen versteht. Die „CD des Tages“ war der niederländischen Geigerin Janine Jansen und ihrer neuesten Einspielung „Bach Concertos“ gewidmet.

Gegen Ende erzählte die Moderatorin Mirjam Jessa über die von der Künstlerin offen und freimütig mit ihrem Publikum geteilte Auseinandersetzung mit Erschöpfung und Burnout. Zitat: „Ich hatte den Eindruck mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand zu laufen.“ Janine Jansen spielte damals an die 120 Konzerte im Jahr. Und dann folgte der Satz, der mich bis heute beschäftigt: „Man muss immer noch fähig sein die eigenen Erfahrungen zu verdauen.“ Auch ein interessantes, vielseitiges Künstlerleben einer so talentierten und strahlenden Künstlerin kann also in ein „Hamsterrad“ mutieren. Die Gründe können vielseitig sein, Janine Jansen sprach aber nicht von Stress oder Terminproblemen, sondern davon, die vielen Erlebnisse einfach nicht mehr verdauen zu können.

Ö1 bis zwei ist eine phantastische Sendung. Ausgestrahlt um die Mittagszeit, bringt sie gemischte Kost, Klassik vermischt mit Jazz, serviert mit Moderationen, die zum Nachdenken anregen – also zur Verdauung persönlicher Erfahrungen, wenn man so will.

Beim Nachsinnen über das „Verdauen von Erfahrungen“ wurde mir bewusst, warum Yoga u.a. auch so gut wirkt. Weil gerade eben dem Verdauen von Erfahrungen Zeit und Raum gegeben wird.

Übung 1: Nachspüren, um Erfahrungen zu verstehen.
Yoga ist eine Erfahrungswissenschaft. Darum ist es wichtig, die eigenen Erfahrungen bewusst zu reflektieren. Wir fragen uns also immer wieder: wie hat die Übung gewirkt, was hat sich verändert, wie fühlt sich der gedehnte Körperteil an – vielleicht befreiter oder länger? Nur so können wir erkennen, was uns gut tut und was nicht. Wir lernen zu reflektieren und infolge auch bewusster Grenzen zu setzen – beim Üben von Yoga und auch im Alltag – z.B. indem wir uns rechtzeitig eine Pause gönnen oder indem wir uns entschlossener von „Energieräubern“ abgrenzen.

Übung 2: Wiederholen, um Erfahrungen zu verinnerlichen.
Eine weitere Verdauungsübung ist die Wiederholung, also das Üben von gleichen oder ähnlichen Abfolgen, Tag für Tag. Disziplin (tapas), die sich ausdrückt in regelmäßigem Üben, zählt zu den zentralen Anforderung für Yoginis. Nur so kann sich Geschmeidigkeit, aber auch Vertiefung entwickeln. Die Übung ist dabei letztlich nie wirklich gleich, hängt ihre Qualität doch auch von unserer Tages- und Körperverfassung ab, von der Art wie wir den Atem lenken, die Übung vorbereiten und vielem mehr. Wiederholungen haben also nichts mit gelangweiltem Wiederkäuen oder gedankenlosem „Runterratschen“ gemein, sondern sind vielmehr ein learning by heart, ein Weg um die Übung mit ganzem Herzen zu verinnerlichen und die Gedanken entspannen zu können.

Jetzt fällt mir wieder Bach ein und seine weltberühmten Goldberg-Variationen, die ja in der Tat als therapeutische Musik komponiert worden waren und zwar für den an „Insomnia“ (Schlaflosigkeit) leidenden Hermann Carl Reichsgraf von Keyserlingk. Goldberg, ein talentierter Schüler Bachs wurde – jederzeit spielbereit – in einem Nebenzimmer des ruhelosen russischen Gesandten einquartiert. Auch wenn die Geschichte von Experten immer wieder angezweifelt wird, ich möchte sie gerne glauben.

Die Goldberg-Variationen sind wunderbare Musik – zum Zuhören wie auch zum Spielen. Ich übe sie gerne, dilettantisch, langsam und mit nicht ganz korrektem Fingersatz. Es sind die einzigen Stücke, die ich mir vorgenommen habe in meinem Leben auswendig zu lernen. Es ist auch dieser Prozess des Auswendig-Lernens, der mich fasziniert. Immer wieder ein paar Takte dazu zu lernen, wie eine Delikatesse, und diese dann wiederholen – so lange, bis die Finger die Musik zuverlässiger gespeichert haben als die Gedanken und ich zunehmend befreit lauschen darf – im Vertrauen darauf, dass die Finger alles richtig machen, sofern sie nur den Anweisungen des Herzens folgen.

Die Wiederholung, das Wiederkäuen, wird hier zu einer meditativen Handlung, wie es ja auch im Yoga passiert. Wehe allerdings, es schaltet sich unvermutet ein Gedanke dazwischen, dann werde ich – irritiert und verloren – aus dem Paradies geworfen. Um unverdrossen aufs Neue das Experiment zu wagen! Musik auswendig spielen zu lernen ist eine wunderbare Übung im sich vertrauensvoll einlassen können – learn to play by heart!

Musiktipp: www.janinejansen.com

Wider die Gleichgültigkeit und für die Liebe!

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Morgen startet wieder der Fortgeschrittenen-Kurs „Mit ganzem Herzen dankbar sein“, in dem ich mich zum zweiten Mal, diesmal 12 Einheiten lang, mit dem Buch „Fülle und Nichts“ von David Steindl-Rast beschäftige. Als ich es jetzt wieder durchgeblättert habe, wurde mir bewusst, dass es kein anderes Buch in meinem Leben gibt, in dem ich so viel lustvoll angestrichen und eigene Notizen vermerkt habe. Es jetzt wieder zu lesen, kapitelweise und als Vorbereitung für das jeweilige nächste Stundenthema, stiftet Vorfreude. Es sind wunderbare, heilsame Gedanken, die der aus Wien stammende Benediktinermönch David Steindl-Rast hier niedergeschrieben hat; das 1983 erschienene Buch wird zurecht längst als Meditationsklassiker gehandelt. Es zu lesen macht Freude, stiftete Sinn, erklärt vieles, auch alltägliche Muster, die uns daran hindern, befreiter und glücklicher zu leben.

Immer wieder schreibt David Steindl-Rast auch über Gegensatzpaare oder Polaritäten – Entfremdung versus Zugehörigkeit, zum Beispiel, die er synonym für Sünde und Erlösung setzt. Oder Disziplin versus Bevormundung – Zitat Seite 51: „Bevormundung ist rigide und spröde. Disziplin ist ebenso stark wie flexibel. Bevormundung ist leblos, Disziplin lebendig und lebensspendend.“ Wie wunderbar sind solche Worte geeignet, um den Yogaunterricht zu verfeinern und zu vertiefen. David Steindl-Rast hat sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt, speist sich also auch aus fernöstlicher Erfahrungslehre, die er mit seiner christlichen Spiritualität verbindet. Es geht um die (Zitat) „Zuverlässigkeit im Herzen aller Dinge“, ich erkenne keinen Widerspruch zum yogischen Denken.

Und dann stoße ich auf jenen Absatz auf Seite 152, der mich schon beim früheren Lesen so stark berührt hat: „Wenn in der christlichen Tradition von Liebe die Rede ist, dann liegt die Betonung auf unserem Willen und nicht auf unseren Gefühlen. Das zeigt uns wieder, daß die Idee der leidenschaftlichen Anziehung irrig ist, wenn es um das Wesen von Liebe geht. Liebe ist wesentlich kein Gefühl, sondern eine frei gewählte Handlung. Nur deshalb kann das Gebot „Du sollst lieben“ ein Gebot sein. Niemand kann uns befehlen, so oder so zu fühlen. Gefühle lassen sich nicht von Geboten beeinflussen. Auch unsere Gedanken  nicht. Nur unser Wille kann gehorchen. Und wenn unser Wille sich intensiv bemüht, die Trägheit der Gleichgültigkeit zu überwinden, dann wird er auch unser Denken und Fühlen Schritt für Schritt mit sich ziehen.“

Ist das nicht großartig? Ist das nicht eine Botschaft, die große Freiheit verspricht? Wir haben die Möglichkeit und die Fähigkeit uns für die Liebe zu entscheiden und sind nicht Sklaven unserer Gefühle. Ein Prozess, der allerdings Ausdauer, Aufmerksamkeit und Genauigkeit verlangt. Wider die Gleichgültigkeit also und für die Liebe als eine bewusste Willensentscheidung!

Ich werde wieder ein paar Exemplare bestellen, denn solche Botschaften verschenke ich gerne!

Buchtipp: Fülle und Nichts. Von David Steindl-.Rast, Herder-Verlag, ISBN: 978-3-451-05653-6

 

Schach der Zeitnot

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Zeitnot äußert sich mit ähnlichen Symptomen wie die Atemnot, wenn auch nicht so akut lebensbedrohlich – bei mir z. B. als beklemmendes Gefühl in der Brust, als würgende Unruhe und sich auf den Magen schlagende Nervosität. Was kann ich tun gegen das Gefühl, mir laufe die Zeit ständig davon und dem damit einhergehenden scheinbaren Kontrollverlust über mein Tun?

Meistens bekämpfe ich solche Gefühle mit dem Schreiben von Todo-Listen, das beruhigt ein wenig und visualisiert Struktur. Noch besser ist es natürlich, wenn ich es bis auf die Yogamatte schaffe, tief in den Bauch atme und in meinem eigenen Tempo Atem und Bewegung verbinde. Wenn ich also in meiner eigenen Zeit übe und auf die objektiv messbare Zeit vergesse. Entschleunigung ist eine subjektive Erfahrung, auf die man sich vertrauensvoll einlassen darf. Und dann kann es passieren, dass die Zeit völlig an Bedeutung verliert und stillsteht – scheinbar – subjektiv – stillsteht.

Eine Stille, die gut tut. Warum suche ich dann – obwohl ich es also besser wissen müsste – auch Sonntag morgens hektisch meine Uhr, als könnte ich ohne sie nicht richtig funktionieren? Wäre es nicht viel interessanter, statt wie die Maus vor der Schlange gebannt auf das Ziffernblatt zu starren das Leben in vollen Atemzüge zu genießen, alleine, zu zweit, mit Freunden? Die Weihnachtsfeiertage bieten jedes Jahr eine geniale Chance für solche Zeit-Experimente, sofern sie als Arbeits- und Atempause genutzt werden können.

Und da gibt es noch etwas, das sich zu üben lohnt: die Nachdenk-Pause. Wir kennen sie zumindest von den Momenten, wo wir versonnen im Kaffee rühren, vielleicht auch von guten Gesprächen und natürlich auch vom Todo-Listen schreiben. Aber meist ist sie nur ein kurzer Zwischenstopp, ein Pausenfüller, im schönsten Fall Erinnerung: Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt!

Ich habe jetzt in den Weihnachtsfeiertagen mit dem Schachspielen begonnen. Mein Gegner ist ein erfahrener und geduldiger Spieler. Am Anfang entschuldigte ich mich immer wieder für meine längeren Nachdenkpausen, bis er mir zu verstehen gab, dass das in Ordnung sei und Teil des Spiels. Profis denken bis zu sieben Zügen vor, meinte er ergänzend.

Noch immer ist es für mich nicht ganz leicht keinen Stress zu spüren, aber es wird zunehmend besser. Ich versuche die Pausen zu genießen, hinzuspüren in den Prozess des Nachdenkens. Die Welt reduziert sich auf ein Schachbrett, die Figuren darin nehmen Positionen ein, die zu hinterfragen sich stets auf´s Neue lohnt. Eine mit Macht ausgestattete Figur alleine ist noch kein Erfolgsgarantie, es braucht auch die richtige Position und die nötige Bewegungsfreiheit, um diese Macht entfalten zu können. Und kluge Rückendeckung sowieso. Welche Qualitäten liegen mir näher, worauf sollte ich mich konzentrieren? Auf das bewegliche Pferd, den über weite Strecken gefährlichen Läufer oder den Turm mit Steherqualitäten? Und auch ein einfacher Bauer kann in der richtigen Position einem König gefährlich werden.

Mich erinnern Schachfiguren an Yoga-Asanas, es braucht Zeit, um sich in ihre Aktionsform hineinzudenken, es braucht Zeit, um die subtilen Qualitäten der Form zu verinnerlichen, es braucht eben Nachdenk-Zeit und wie im Yoga auch regelmäßiges Üben.

Das Nachdenken vertieft den Atem, ich höre meinen Atem und auch den meines Gegners, und dabei kann es passieren, dann und wann, dass die Zeit sogar – ein wenig – scheinbar – subjektiv – stillsteht.

 

 

Agentur Designtiger, Webdesign Wien & Niederösterreich